Lifestyle

Mein Leben mit Hashimoto (Teil 1)

4. Dezember 2018

Fotos: Niki Romczyk Fotografie

Hallo, mein Name ist Yavi und ich habe Hashimoto. 

Ungefähr eine von 10 Personen hat Hashimoto. Die meisten wissen es nur nicht. Ich bin also nichts Besonderes. Ich weiß es bloß, weil ich die Diagnose Schwarz auf Weiß habe und weil mich die Krankheit mehr einschränkt als mir lieb ist. Hier ist meine Geschichte und noch mehr. In der Hoffnung, etwas Licht ins Dunkle anderer zu bringen und anderen Betroffenen zu helfen, die genauso verwirrt sind, wie ich es anfangs war. 

Die Diagnose 

Der Anfang war vor ungefähr einem Jahr, Winter 2017. Nahezu von jetzt auf gleich fühlte ich mich furchtbar. Ich war so müde, dass ich kaum in der Lage war, aufzustehen und den Tag zu meistern – geschweige denn mit zwei Kindern. Mein ganzer Körper war schwer und schmerzte. Besonders mein Kopf. Innen und außen. Innen: dunkle Gedanken. Ich fürchtete, die Depressionen würden zurückkommen. All das schob ich auf den Winter und den Stress, den ich mit meinem Buch hatte. Die Abgabe stand kurz bevor. 

Doch es wurde unerträglich, der Wunsch, aus meinem Körper zu springen unendlich groß. Ich ging zu meinem Hausarzt und fragte intuitiv, ob er meine Schilddrüse checken könnte, vielleicht hätte sich meine Schilddrüsenunterfunktion, die ich seit meiner ersten Schwangerschaft habe, verschlechtert und man müsste mein L-Thyroxin neu einstellen. Blutabnahme. Anruf. „Kommen Sie in die Praxis, wir brauchen einen Ultraschall Ihrer Schilddrüse.“ Auffällig sei sie. Ihre Entzündungswerte auch.

Ich rechnete mit dem Schlimmsten. Hashimoto war fast eine Erlösung, hatte vorher ein paar Mal davon gehört und jeder sagte: „ach, kann man mit leben, merkste gar nicht“. Mein Arzt hatte es an der spezifischen Struktur und Größe der Schilddrüse auf dem Ultraschall sofort erkannt und sich gewundert, dass ich gar nicht wusste, dass ich Hashimoto habe. Ne, wusste ich nicht. Später fand ich heraus, dass Hashimoto 3-4 Monate nach einer Geburt auftreten kann. Insbesondere bei besonders großem Stress post partum. Leonas war 4 Monate zuvor auf die Welt gekommen. Wir waren drei Wochen nach dem Kaiserschnitt umgezogen, ich schrieb ein Buch, der Alltag mit zwei Kindern trug seinen Teil dazu bei, dass ich wirklich hochgradig gestresst war, auch, wenn ich echt Hart im Nehmen bin und extrem viel aushalten kann. Gut möglich also, dass sich mein Körper mit Hashimoto „gerächt“ hatte und die Symptome, die ich im besagten Winter verspürte, ein Hilferuf waren.

Der Kampf

L-Thyroxin wurde neu eingestellt. Die hässlichen Symptome blieben. Ich kämpfte mich durch den Alltag. Ungläubig, dass niemanden die Krankheit so einschränkt, mich aber nahezu ausknockt, fesselt, einsperrt. fertig macht. Mich, die Unkaputtbare. Kann doch nicht sein, dass ich mich so unendlich beschissen fühle und ab sofort in diesem Zustand klarkommen soll. Ein Leben lang! Schaff ich nicht, das war mir klar. 

Ich machte mich auf die verzweifelte Suche und jemand machte mich auf Dr. Simone Koch in Berlin aufmerksam. Funktionelle Medizinerin, Spezialgebiet Autoimmunerkrankungen, Schilddrüse. Hashimoto eines ihrer wichtigsten Themen. Ich kontaktierte sie, fuhr nach Berlin, ließ mich umfassend ausfragen, abchecken, beraten. Nach 1,5 Stunden wusste ich mehr als nach den drei Monaten meiner Eigenrecherche, die seit der Diagnose vergangen waren. War da etwa ein Hoffnungsstrahl am Ende des dunklen Tunnels? 

Wir warteten die Blutergebnisse ab. Glutenunverträglichkeit, alles klar. War mir neu. Darmflora im Arsch, heißt Schutz = 0. Muss aufgebaut werden, macht Sinn. Hinzu kam ein Eisenmangel, Vitamin D3 könnte besser sein, B Vitamine auch. Ich bekam eine Liste mit Nahrungsergänzungsmitteln, die exakt auf meine Bedürfnisse zugeschnitten waren. Geht klar. Dann eine Liste mit Ernährungsempfehlungen. Und hier sah ich ein Problem auf mich zukommen. 

Seit ich nämlich meine Essstörungen überwunden habe, bin ich gefühlt der größte Diät-Kritiker dieser Erde. Keine kommt mir mehr in die Tüte. Doch wenn ich den Plan von Frau Dr. Koch befolge, stecke ich genau mittendrin in dieser Tüte, zusammen mit einer echt fiesen Diät. Kein Gluten, keine Milchprodukte, kein Zucker, keine Hülsenfrüchte, kein Soja, keine Nachtschattengewächse. And the list goes on and on. 

Seriously?

Ok. Wenn’s sein muss… Übermotiviert machte ich mich ran und beschloss, Hashimoto in den Allerwertesten zu treten. Nach vier Tagen strenger Hashimoto-Diät hatte ich einen Fressanfall vom Feinsten und fraß alles, was verboten war. Flashback. Mein altes Diät-Ich kennt diese Fressanfälle zu gut, sie kamen, weil der Kopf und Körper nun mal das am meisten wollen, was sie am wenigsten durften. 

Das Spielchen dauerte ungefähr 2 Monate und kam jede Woche. Strenge Hashimoto-Diät vs. heftiger Fressanfall mit allem, was eigentlich nicht ging. Ich schaffte es nicht. So sehr ich auf die Dinge verzichten wollte, um die Hashimoto-Symptome in den Griff zu kriegen, so sehr schrie mein Körper panisch auf, wenn er nur das Konzept „Diät“ auf ihn zukommen sah und merkte, dass er verzichten muss.

Ich sprach mit Dr. Simone Koch. Diese hatte mittlerweile mein Buch gelesen und gab zu, dass meine Diät nicht zu mir passe. Mir und meinem Diät-Ich. Ein Rückfall in alte Verhaltensmuster sei da einfach vorprogrammiert. Ja, das hatte ich bemerkt.

Die richtige Diät 

Wir beschlossen, dass ich mich auf das Wichtigste beschränken müsste. Gluten und Soja. Challenge genug. Milchprodukte waren kein Problem, bis auf ein bisschen Gouda oder ein geiles Eis hin und wieder brauche ich die im Alltag sowieso nicht. 

Als leidenschaftlicher Brot- und Pasta- und Pizzalover musste ich umdenken. Alternativen suchen. Fand Seiten, auf denen ich Alternativen fand (siehe mein Beitrag zu nu3). Ich backe Brot ohne Mehl (mittlerweile gibt es unzählige Fertigmischungen und Rezepte im Netz). Pizza kann man auch glutenfrei kaufen. Statt Tofu aß ich mehr Eier. Als sportelnder Vegetarier gar nicht so leicht, auf seinen Proteinbedarf zu kommen. Ich supplemtentiere mit veganem Proteinpulver und esse trotzdem hin und wieder Hülsenfrüchte, obwohl strenge Hashis auch diese meiden. Doch es geht nicht um den allgemein richtigen Weg, es geht um MEINEN Weg. Und der darf das Wort „Diät“ nicht mehr kennen.

Und siehe da: Die Fressanfälle kamen nicht wieder. Die kleinen Steps führten meinen Körper langsam an die neuen Umstände heran und er kapitulierte nicht gleich vor Angst vor großen Veränderungen. Ich fühle mich großartig. Nicht nur dank der Ernährung. 

Der richtige Lifestyle 

Ganz wichtig ist auch, Stress zu meiden. Macht Hashimoto ganz wuschig und den Körper krank. Ich meditiere, mache Yoga, achte auf genug Schlaf ( stillte dafür sogar extra nach 10 Monaten ab, was mir wirklich deutlich mehr Schlaf verschaffte), viel Quality-Time und eine ausgewogene Work-Life-Balance. 

Zudem nehme ich kein Thyroxin mehr. Hat bei mir einfach nicht angeschlagen und es trat kein Wohlbefinden ein. Grund ist: L-Thyroxin ist das körpereigene Hormon T4. Die Forschung – und auch Frau Dr. Koch, die immer up-to-date ist – wissen: Manche Patienten fahren mit einer Kombitherapie aus T3 + T4 besser. So auch ich. Ich nehme seither das so genannte „Schilddrüsenextrakt“, welches T3 mitbringt. Muss privat bezahlt werden, ist aber jeden Cent wert.

Heute: Alles gut 

Mir geht es großartig. Natürlich habe ich noch müde oder triste Tage. Manchmal ist da wieder dieser Nebel. Manchmal sind die Glieder schwer. Und ja, ich habe etwas zugenommen. Wer weiß, vielleicht würde all das vergehen, wenn ich super streng nach den Empfehlungen meiner Ärztin und der Wissenschaft essen würde. Also auch keine geliebte Erdnussbutter mehr, keine Cashews, keine Tomaten, keine Kartoffeln, kein Zucker. Vielleicht. Vielleicht wäre ich aber wieder gefangen in einer heftigen Diätspirale und würde mit mir selbst kämpfen, weil ich Erdnussbutter & Co. nunmal über alles liebe und nicht mein Leben lang darauf verzichten will. Entscheide ich mich für die Pest oder Cholera? 

Ich wähle den FÜR MICH richtigen Mittelweg. Den, der mich fast ganz gesund sein lässt und dieses „fast“ noch immer viel Lebensqualität mit meinen Lieblingsnahrungsmitteln erlaubt. 

Das ist meine Story. Wenig wissenschaftlich und fundiert, wie du du jetzt vielleicht zurecht denkst. Darauf bin ich natürlich vorbereitet und veröffentliche bald Teil 2 meiner Hashimoto-Reihe, in der Frau Dr. Simone Koch selbst zu Wort kommt. In einem sehr ausführlichen Interview wird sie alle Lücken schließen, die dieser Beitrag womöglich noch enthält. Und ich hoffe sehr, dass damit all deine Fragen beantwortet sein werden, wenn nicht, scheue nicht, sie zu stellen. 

Sag, wie ist es bei dir? 

Und vielleicht magst du uns deine Geschichte hier in den Kommentaren erzählen? Was hast du erlebt? Was sind deine Erfahrungen? Positiv wie negativ? Und vielleicht hast du einen Tipp für uns, der mir und anderen weiterhelfen könnte? Ich freue mich auf deine Stimme. 

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3 Kommentare

  • Reply Karolina 7. Dezember 2018 at 19:07

    Ein sehr guter Bericht, Liebe Yavi.
    Auch ich habe Hashimoto, ich vermute es kam nach der Geburt meiner Tochter im Winter 2015.
    Die Geburt war nicht ganz so toll, mit Sicherheit sehr stressig für meinem Körper. Ich habe auch ein leichtes HELP entwickelt, nach der Geburt.

    Im Spätsommer 2016 überprüfte meine Frauenärztin mich aus einem Gefühl heraus meine Blutwerte. Mein Haarausfall hörte nicht auf und ich war einfach sehr müde und mein Imunsystem war auch geschwächt.
    Ergebnis war, dass mein TSH zu hoch war. Nicht stark erhöht, aber gut über 2,0. ich nahm L-Thyroxin und ernährte mich weiterhin nach Paleo. Aber es kam öfters vor, dass ich auch Wochen hatte, in denen ich mich nicht so gesund ernährte. Heißhunger auf Schokolade, Pasta etc.
    Mein Gewicht hatte ich gut im Griff.
    Bis Weihnachten 2017. plötzlich nahm ich zu. Ich fühlte mich sehr unwohl. Im Januar hatte ich dann einen Termin zum Schilddrüsenultraschall. Ja sie war angegriffen. Trotzdem schaffte ich es nicht meine Ernährung wieder gänzlich auf Glutenfrei und auch auf Milchprodukte zu verzichten.
    Im Mai hatte ich dann eine stille Geburt in der 19 Woche. Ab Juli/ August stellte ich mich wieder radikal um. Die Kilos die an mir hingen wie eine hämische Erinnerung an meine Schwangerschaft verlor ich nach und nach. Ich fing mit Personaltrainer an zu trainieren. Reiten alleine langte nicht mehr für meinen Körper.
    Seit dem geht es mir sehr gut. Es lohnt sich für einen selbst, und auch für deine Liebsten, wenn man sich am Riemen reißt.
    Esse ich doch mal Gluten, bekomme ich die Quittung mit unglaublicher Müdigkeit.
    Meine geheime Hoffnung ist es, dass ich meinen Körper und meinen Geist fit genug bekomme um es noch einmal mit einer Schwangerschaft zu versuchen.

  • Reply gabriela 7. Dezember 2018 at 20:08

    durch simone bin ich auch auf den richtigen weg geraten vor 4 jahren.. mir geht es gut seit ich auf meine symptome achte, nems auffülle und ganz viele andere dinge beachte.. der weg war lang und ist nun nach der dritten schwangerschaft wieder bei einem neuanfang.. ich freue mich dass dus geschafft haat!! cool

  • Reply Anna 8. Dezember 2018 at 8:00

    Ich bin zufällig auf deinen Beitrag aufmerksam geworden. Danke für diesen tollen Beitrag und ich bin sehr gespannt auf den 2. Teil.
    Bei mir wurde Hashimoto Anfang des Jahres diagnostiziert. Zuvor war ich 3 Jahre bei diversen Ärzten, niemand konnte mir helfen. Obwohl ich meine Schilddrüsenwerte habe prüfen lassen, hieß es von den Ärzten alles sei ok. Ich hatte 11 Kilo zugenommen und zuletzt stieg das Gewicht monatlich. Der Teufelskreis begann: Sport bis zum umfallen, Diäten und verbote…das Ergebnis Frust und Erschöpfung, Fressanfälle…um dann wieder motiviert zu starten und anschließend wieder in alte Muster zu verfallen…Resignation! Weinen, innere Leere, der Gang zum Therapeuten weil ich dachte ich sei depressiv. Meine Schilddrüse war ja ok…dachte ich!
    Heute weiß ich, dass ein Wert über 4 nicht ok ist und das es keinen allgemeinen Wert gibt, bei dem sich jeder gut fühlt.
    Jeder hat seinen persönlichen Wohlfühlwert.
    Leider habe ich den trotz regelmäßiger Anpassung des L Thyroxins immer noch nicht erreicht. Ich fühle quasi wenn er wieder ansteigt und der Frust steigt mit ihm, da ich weiß dass die Abstände der arzttermine immer länger werden (anfangs alle 6 Wochen, mittlerweile erst nach 6 Monaten) und eine mögliche Anpassung der Dosis, die mir dann kurzzeitig ein Hochgefühl verleiht und 3-4 Kilo purzeln lässt noch in weiter Ferne steht. Und natürlich fragt man sich, wann diese ständigen ups and downs aufhören und man endlich richtig eingestellt ist. Die Hoffnung schwindet!
    Gluten, Laktose wird gemieden. Dafür nehme ich Vitamin D, Selen und Omega 3…was es bringt? Ich weiß es nicht…mein Ziel: die blöde autoimmunerkrankung in Remission zu bringen. Geht das? Man sagt es ginge…also glaube ich dran! Wahrscheinlich weil es der letzte Strohhalm ist an den ich mich klammere im Kampf mit mir selbst!

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