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Experten-Interview mit Dr. Simone Koch (Hashimoto Teil 2)

5. Dezember 2018
In meinem ersten Teil zum Thema “Hashimoto” habe ich meine persönliche Geschichte zu meinem ersten Jahr mit der Autoimmunerkrankungen geschildert und in diesem Zuge bereits meine behandelnde Ärztin Dr. Simone Koch genannt. Ich freue mich sehr, dass sie sich für ein Interview mit mir bereit erklärt hat, denn in Deutschland ist sie eine DER Expertinnen für die funktionelle Medizin, die Schilddrüse und in diesem Zusammenhang für Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto.  
 
Wer sich tiefer einlesen möchte oder Hashimoto-gerechte Rezepte sucht oder, dem empfehle ich die Seite autoimmunhilfe.de, auf der auch Dr. Simone Koch als Autorin tätig ist. 
 

Liebe Simone, danke, dass du dir die Zeit nimmst, das Thema „Hashimoto“ für uns zu beleuchten und verständlicher zu machen. Bitte stell dich kurz vor: Wer bist du, wo kommst du her und was ist dein Beruf?

Ich bin Dr. Simone Koch aus Berlin. Seit 3 Jahren arbeite ich selbstständig im Bereich Ernährungsmedizin und funktionelle Medizin mit Menschen mit Autoimmunerkrankungen, überwiegend Hashimotothyreoidtis. Vorher war ich im Bereich Gynäkologie und Geburtshilfe tätig. Die endokrinologischen Erfahrungen in diesem Bereich sind auch in meiner derzeitigen Arbeit sehr nützlich. Berlin ist mein Lebensmittelpunkt wo ich mit meinem Mann und meinen zwei Kindern lebe. Gebürtig bin ich aber ein echtes Nordlicht und fühle mich noch immer zum Meer hingezogen.

Empfiehlst du bei Hashimoto glutenfreie Ernährung und wenn ja, wieso?

Ich empfehle bei Autoimmunerkrankungen aus verschiedenen Gründen immer eine glutenfreie Ernährung. Für Hashimoto gilt dies besonders. Warum erkläre im Folgenden.
Gluten ist für den Menschen immer unverdaulich. Vorstellen kann man sich ein Protein wie Gluten wie eine Perlenkette aus Aminosäuren. Die Enzyme und Säuren von Magen und Darm zerlegen die Perlenkette in ihre Einzelteile, welche dann in unseren Körper zur weiteren Verarbeitung aufgenommen werden. Bei Gluten sind die Verdauungsmechanismen in unserem Körper nicht in der Lage es vollständig zu zerlegen. Normalerweise ist dies kein Problem, den die Schutzmechanismen unseres Darms sorgen dafür, dass diese unzerlegten Bestandteile des Glutens unseren Darm gar nicht berühren und damit auch keinen Schaden anrichten können.

Bei Autoimmunerkrankten sind jedoch die Schutzbarrieren unseres Darms in den allermeisten Fällen gestört. Einige Studien geben sogar eine Rate von 100% an. In diesen Fällen kommen die unverdauten Bestandteile an die Darmschleimhaut heran. Einige Anteile des Glutens lösen nun am Darm ein auseinanderweichen der einzelnen Zellen aus oder zerstören Darmzellen direkt. Es kommt zu einer Darmpermeabilitätsstörung – im Englischen „leaky gut syndrom“ genannt. Durch diese Löcher können nur Bestandteile des Glutens und auch aller anderen Proteine, die wir zu uns nehmen, in unseren Körper eindringen.

Das bei Hashimoto überaktive Immunsystem, welches wie eine Truppe völlig übermüdeter Soldaten immer auf Halbachtstellung ist, aber nicht mehr so richtig unterscheiden kann, wer der Feind ist, fängt an, sinnlos auf diese Proteine zu feuern, in dem es Antikörper ausbildet. Im Fall des Glutens ist dies bei Hashimoto besonders problematisch, da Gluten von der Struktur her der Thyroxinperoxidase so stark ähnelt, dass die Antikörper an Schilddrüsengewebe andocken und die Zerstörung beschleunigen können. Die oben genannten Punkte sind völlig unabhängig davon ob auch eine Glutensensitivität oder eine andere Unverträglichkeit gegenüber Getreide vorliegt.

Glutensensitivitäten, bei denen es direkt zu einer Aktivierung des T-Zell Systems durch Gluten kommt, sind bei Menschen mit Autoimmunerkrankungen jedoch aus verschiedenen Gründen, die hier ein bisschen den Rahmen sprengen würden, ebenfalls stark gehäuft. Bildet der Körper tatsächlich Gliadin Antikörper aus oder kommt es zu einer starken Aktivierung der Lymphozyten durch Gluten, so kann es zu massiven Erschöpfungszuständen und Müdigkeit durch Gluten kommen.

Als letztes ist die Zöliakie, die leider in sehr vielen Fällen unerkannt bleibt, eine häufige Zweiterkrankung bei Hashimotothyreoidtis. 50% aller Menschen mit Zöliakie haben auch eine Hashimototyhreoditis und 14% mit Hashimotothyreoidtis haben auch eine Zöliakie. Was viele nicht wissen, ist, dass nur bei ca. 50% aller Zöliakieerkrankten auch Magen-Darm-Symptome auftreten. Dadurch bleibt sie oft über Jahrzehnte unerkannt.

Empfehlung: 100 prozentiger Verzicht auf Gluten 

All diese Gründe zusammen bedingen, dass ich Menschen mit Hashimototyhreoidtis immer raten würde zunächst 100% glutenfrei zu leben. Wichtig ist hierbei, dass man wirklich komplett auf Gluten verzichtet. Jede Exposition führt wieder zu einem Antikörperanstieg und das Immunsystem kann nicht zur Ruhe kommen. Gleichzeitig übt man einen starken Verzicht aus, was zu Frustatrion und Resignation führt, wenn sich keine Verbesserung einstellt.

Problematisch ist, dass viele andere Stoffe ähnliche Auswirkungen wie Gluten haben können und die Empfindlichkeiten hier individuell sehr unterschiedlich ist. Wenn sich durch einen Verzicht auf Gluten nach 3-6 Monaten keine erhebliche Veränderung einstellt, sollte daher eine individuelle Testung zusammen mit einem Therapeuten erfolgen. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann diesen Weg natürlich auch von Anfang an gehen.

Können da Tabletten wie GlutenEase helfen?

Enzyme, die den Körper dabei helfen Gluten zu spalten, können helfen, wenn man davon ausgehen muss, auf Grund von häufigem Auswärtsessen oder ähnlichen Kontaminationen ausgesetzt zu sein.  Kleinstmengen an Gluten werden durch die Enzyme bereits im Magen zerstört und kommen daher gar nicht bis zu Darm, um hier Schaden anzurichten. Dies funktioniert leider aber nur bei Kleinstmengen. Ein Brötchen kann man trotzdem nicht essen.

Worauf sollten Hashimoto-Betroffene darüber hinaus verzichten und wovon mehr essen, um sich besser zu fühlen?

Es gibt verschiedene Dinge, die eine Triggerung des Immunsystems verursachen können. Allen voran sind hier die Lektine zu nennen. Diese findet man in unterschiedlichen Nahrungsmittelgruppen wie Milchprodukten, Nachtschatten, Getreiden und Pseudogetreiden. Ob jemand auf die einzelnen Gruppen reagiert ist sehr unterschiedlich und muss individuell herausgefunden werden. Darüber hinaus gibt es verschiedene Nahrungsmittel, die die Flora unseres Darms ungünstig beeinflussen können, wie zum Beispiel Saaten und Samen. Wichtig ist, dass es sehr individuell ist und jeder für sich selbst herausfinden muss, welche Ernährungsstrategie für ihn am besten funktioniert.

Welche medikamentöse Therapie empfiehlst du?

Wenn jemand die unter einen reinen T4 haltigen Therapie mit L Thyroxin sehr wohl fühlt, sollte man meiner Meinung nach nichts daran ändern. Studien haben aber gezeigt, dass dies für 30% der Fälle nicht der Fall ist und hier auch unter einer Therapie erhebliche Symptome mit starker Einschränkung der Lebensqualität auftreten. In diesen Fällen kann eine zusätzliche Gabe von T3 eine Verbesserung erzielen. Normalerweise produziert unsere Schilddrüse um die 30 verschiedene Hormone. Bei vielen wissen wir noch nicht, welche Aufgaben im Körper sie erfüllen, daher arbeite ich gerne mit natürlichem Schilddrüsenextrakt, da hier alle Hormone enthalten sind, die die gesunde Schilddrüse produziert.

Können die Entzündungswerte der Schilddrüse durch den richtigen Lebens- und Ernährungsstil so weit zurückgehen, dass man von „Heilung“ sprechen kann? Oder zumindest von einem Leben ohne Symptome?

Ja, eine sogenannte Remission der Erkrankung, das heißt die Erkrankung lässt sich nicht mehr nachweisen, tritt bei 20-30% aller Fälle ein. Eine weitesgehende Beschwerdefreiheit lässt sich bei den meisten erreichen, sofern die Person bereit ist bestimmte Änderungen ihres Lebensstils und Einschränkungen hinzunehmen.  

Hat Sport Einfluss auf das Wohlbefinden von Hashimoto-Betroffenen und den Verlauf der Krankheit? 

Für die Energiegewinnung der Mitochondrien spielt der Anteil an Muskelmasse, sowie eine ab und zu stattfindende Auslastung der Energiesysteme eine erhebliche Rolle. Nichts kann den Energielevel so stark verbessern, wie ein auf die Erkrankung abgestimmtes Sportprogramm. Gleichzeitig hilft der richtige Sport beim Abbau von Stresshormonen und entlastet die Nebenniere. Von Ausdauersport ist bei Hashimototyhreoidtis abzuraten, da dieser zu einer zusätzlichen Einschränkung der Stoffwechselrate führt und eine erhebliche Belastung für die Nebenniere darstellt.

Viele Hashimoto-Betroffene klagen ebenso über Probleme mit dem Gewicht bzw. über gescheiterte Abnehmversuche. Wie hängt das mit Hashimoto zusammen? 

Verschiedene Mechanismen bei chronischen Entzündungsprozessen führen zu einer Entgleisung von entscheidenden Hormonen wie Leptin und Insulin. Das sogenannte „Krankheitsverhalten“ mit einer starken Einschränkung der auch unwillkürlichen Aktivität führt zusätzlich zu einer deutlichen Verminderung des Leistungsumsatzes. Diese Prozesse sind entscheidener als die verminderte Stoffwechselrate durch eine Hypothyreose, weshalb ein Abnehmen auch bei gut eingestellter Schilddrüse oft nicht möglich ist. Ziel muss einer Verminderung der entzündlichen Prozesse im Körper sein, auch in dem man zum Beispiel unverträgliche Lebensmittel eliminiert, erst dann wird ein Abnehmprozess möglich.

Du hast auch Hashimoto. Wie gehst du damit um, wie ernährst du dich und wie fühlst du dich heute? 

Ich habe die Erkrankung als Teil von mir angenommen. Ich finde es wichtig zu erkennen, dass man nie mehr die Person von „vorher“ sein wird und dass man sich der Tatsache bewusst bleibt, dass es immer mal wieder zu Rückschlägen kommen kann. Dies führt dazu, dass man besser auf sich achtet. Ich ernähre mich 100% gluten- und Hülsenfrüchte frei. Fleisch esse ich ausschließlich aus ethischer Haltung, der Großteil meiner Ernährung ist Gemüse. Milchprodukte vertrage ich sehr gut, weswegen sie in kleinen Mengen in meiner Ernährung vorkommen. Das gleich gilt für Reis. Ich möchte hier nochmal erwähnen, dass die Unverträglichkeiten extrem individuell sind. Bestimmte Protokolle versuchen über Statistiken die häufigsten Trigger zu eliminieren, was hilfreich sein kann, aber nicht bei jedem zum Erfolg führt. 

Gibt es Literatur, die du Betroffenen besonders ans Herz legen kannst? 

Die Paleotherapie von Sarah Ballantyne ist das momentan umfassenste Werk zum Therma.

Und etwas, was du uns, die Hashimoto den Kampf angesagt haben oder es noch vorhaben, unbedingt mit auf den Weg geben möchtest?

Der Schlüssel zu Deiner Heilung bist Du. Gib niemals auf, es gibt immer einen Weg, aber den musst Du selber gehen. Die Wunderpille gibt es nicht.

Wir danken dir liebe Simone.

 

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3 Kommentare

  • Reply Melanie 7. Dezember 2018 at 6:51

    Könntet ihr nochmal mehr auf das Thema abnehmen eingehen? Inwiefern diese trotz gut eingestellter Schilddrüsenwerte und dem Achten auf mehr Aktivität im Alltag trotzdem häufig nicht möglich ist? Vielleicht auch bei einer “normalen” Schilddrüsenunterfunktion, also nicht Hashymoto. Ich glaube da haben viele mit zu kämpfen.
    Liebsten Dank und alles Gute,
    Melli

  • Reply Lisa 9. Dezember 2018 at 15:33

    Hallo Yavi,

    ich habe auch seit etwa 2 Jahren Hashimoto und sehr damit zu kämpfen. Bei mir ist das schlimmste Problem, mein Gewicht. Ich nehme bei allen zu, egal was ich esse, wie viel Sport ich mache usw. Ich habe es anfang diesen Jahres probiert auf Gluten zu verzichten, Hülsenfrüchte esse ich sowieso nicht & Milchprodukte sowie Fleisch nur sehr selten. Leider hatte ich durch den Verzicht von Gluten extreme Migräne- und Kopfschmerzattacken über mehrere Wochen hinweg, die ein normales Leben unmöglich gemacht haben. Da kam bei mir natürlich der Gedanke auf, dass es dann vielleicht nicht gut ist auf Gluten zu verzichten. Mittlerweile esse ich wieder Gluten und hatte seit dem keine dieser Attacken mehr. Jetzt bin ich leider genau an dem selben Punkt wie Anfang des Jahres und weiß nicht mehr weiter. Vielleicht werde ich in meiner Region auch mal nach einer Expertin auf diesem Weg suchen.
    Vielen Dank, dass Du Deinen Weg mit uns teilst!

  • Reply Lisa 10. Dezember 2018 at 14:15

    Ich bin auch von Hashimoto betroffen und es ist alles andere als einfach.
    Bei meiner Recherche bin ich jetzt schon desöfteren darauf gestoßen, dass Spurenelemente (Selen, Vitamin D, Omega 3 etc) unterstützen können. Was raten Sie Ihren Patienten?

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