Mama

Liebe Mama, hör mir zu … (ein offener Brief) 

26. Mai 2018

Es ist schon dunkel, aber noch immer sehr warm. Die Kinder im Bett, noch vor einigen Minuten saßen wir mit ihnen im Gras und schauten der Sonne beim Abschied zu. Wir sitzen jetzt wieder im Garten, jetzt auf Stühlen, ich sehe dich, wenn ich über den Bildschirm des Laptops hinweg schaue. Du schaust auf dein Handy, siehst entspannt aus, siehst nicht, dass ich dich sehe. Ich frage mich, wie andere Menschen dich sehen, wenn sie dich ansehen. Oder wenn sie mein Buch gelesen haben. Ich weiß, dass jeder die Welt mit anderen Augen sieht, so wie jeder Mensch jeden anderen, und daher weiß ich, dass dich niemand so sieht wie ich es tue. Doch ich habe das Bedürfnis, den Menschen zu erzählen, wie ich dich sehe. Wie ich UNS sehe. Heute – nach all dem, was passiert ist zwischen uns. Und vor allem, nachdem meine Biographie vor drei Monaten veröffentlicht wurde und viele Leser gefragt haben, wie du darauf reagiert hast. Ja, ich möchte meine Perspektive teilen. Mit diesen Menschen, mit dir. Ich lasse meine Augen sprechen, in der Sprache der Buchstaben, denn mein Mund bleibt meist geschlossen, wenn die Seele etwas zu sagen hat. Aber das wirst du ganz sicher verstehen, auch dein geschriebenes Wort ist schon immer lauter, klarer und mutiger gewesen als das gesprochene. Hör(t) mir also zu. 

Sagte ich dir schon, wie schön es ist, dass du da bist? Vor einigen Tagen noch habe ich gedacht, dich erst im August wiederzusehen. Bis dahin haben wir beide viel zu tun und viele Pläne. Doch jetzt bist du hier, bist spontan aus Berlin angereist, um mir zu helfen. Als ich dir erzählte, wie sehr ich unter dem Leonas-bedingten Schlafentzug leide und wie sehr ich mir eine Nacht ohne Unterbrechungen wünsche, sagtest du: „ich kann Freitag nach der Arbeit kommen und bis Sonntagnachmittag bleiben und die Nächte mit Leo übernehmen!“. Du sagtest es so positiv, fast euphorisch, sodass es mir fast gar nicht so schwer fiel, dein großzügiges Angebot anzunehmen. Ich habe dir nicht gesagt, dass mich dein Hilfsangebot mehr begeisterte als der Gedanke ans Durchschlafen. Es fühlte sich ein bisschen an wie so ein cooles Mama-Tochter-Ding, ein „du kannst dich immer auf mich verlassen!“. Ich hatte es dreißig Jahre lang vermisst. So sehr, dass ich hoffte, selber eine Jungsmama zu werden, um als Mädchenmama ihr kleines Mädchen nicht so verlieren zu müssen wie du mich verloren hast. Wie WIR uns verloren haben. Und so viel kostbare Zeit. 

Wir haben viel Zeit damit verbracht, gemeinsame Zeit zu meiden. Und die Zeit, die wir hatten, mit Streit und Groll und emotionaler Distanz zu vergeuden. Wir haben uns bekämpft, anstatt den Krieg zu ergründen und einen Friedensplan zu schmieden. Ich muss nicht weiterschreiben, du kennst unsere Geschichte. Und so viele Menschen, die mein Buch gelesen haben, jetzt auch. 

Sie ist eine traurige. Diese Geschichte – unsere Vergangenheit. Nicht ausschließlich, wir hatten auch gute Zeiten, mit Abenteuern und lautem Lachen. Doch der Boden war immer verseucht und alles, was wir optimistisch aussäten, ging am Ende elendig ein. Uns beiden haben immer Mut und Muße gefehlt, den Boden zu beackern. Oder aber ihn gar zu verlassen, umzuziehen, ein neues Feld zu suchen und neu anzufangen. 

Bis ich mein Buch schrieb. Bis es wehtat. Dieses Mal so richtig – dir und mir. Mir, während ich es schrieb, dir, während du es last. 

Bevor ich damit begann, bat ich dich um Erlaubnis. Du sagtest sofort: „Tu es“ und dein Vertrauen in dieses Projekt imponierte mir. Du wusstest, dass ich dir vieles übel nahm und dass viel zu viel zwischen uns stand. Vieles, das ich nun aufarbeiten würde, in meiner Biographie. Als ihren elementaren Teil. Und dennoch hast du niemals Zweifel geäußert oder versucht, mich von diesem Projekt abzuhalten. Ich empfand nicht nur Bewunderung, sondern Stolz: MEINE Mama steht hinter mir. 

Ein großartiges Gefühl.

Umso mehr ein beklemmendes, als du so viele Passagen des Buches mit deiner Unterschrift freigeben musstest. Für den Verlag, aus juristischen Gründen. Ich war mir sicher, du würdest sie nicht absegnen, sie mir vielmehr wirklich übel nehmen und womöglich den Kontakt zu mir abbrechen. 

Es dauerte keinen Tag und deine Antwort flatterte in mein Email-Postfach, im Anhang das unterschriebene Dokument. Ja, du hast einige Passagen kommentiert, DEINE Sichtweise erläutert. Hier und da um eine Änderung gebeten, ganz eventuell. Ich hätte all das ignorieren können, denn deine Unterschrift war mir sicher und ich hätte sie nur an den Verlag weiterleiten müssen. Doch ich war von deiner selbstlosen Reaktion so ergriffen, und so begeistert von deinem Vertrauen in mich, dass ich mit Freude die jeweiligen Passagen anpasste. Und ich weiß noch, wie ich zu meinem „Paul“ sagte: „Wow, DAS ist wahre Größe.“

Oh ja, das ist es, denn mein Buch sollte für dich eine Konfrontation mit unseren größten Ängsten und Problemen bedeuten – in aller Öffentlichkeit. Du hast dich dieser Sache mutig gestellt, obwohl du wusstest, wie heftig es werden würde – zu lesen, was ich als Kind, als Jugendliche, als junge Erwachsene bei dem Gedanken an die eigene Mutter empfunden habe. Dein „Ja“ hat nicht nur eine Tür geöffnet, sondern gleich ganze Tore und alle Fenster, in einer riesigen Festung mit bislang unüberwindbarem Schutzgraben. 

Hinter all diesen Türen habe ich dank deinem „Ja!“ zu meinem Buch und schließlich im Schreibprozess nicht nur mich selbst gefunden, sondern dich. Ich habe nicht damit gerechnet, dich besser zu verstehen, wenn ich mich selbst besser verstehen würde. Doch genau das ist passiert als ich mein Buch schrieb. Das das absolute Ende hätte bedeuten können – für uns -, und dann doch ein Neubeginn wurde. Denn in dem Jahr, als ich so intensiv in meiner Vergangenheit wühlte und sie zu kapieren versuchte, konnte ich viele deiner Handlungen von damals plötzlich besser nachvollziehen. Ich verstand das Bild von (m)einer Mutter, das ich bislang nicht deuten oder gar akzeptieren konnte, und das ganz einfach dadurch, dass es mir selbst so ähnlich war. WIR sind uns ähnlich. Etwas, das ich nie gesehen oder gar für möglich gehalten hatte. Ich dachte immer bloß, wir seien uns so fern, weil wir so anders sind. Ha, im Gegenteil! Diese Erkenntnis macht mich empathisch, denn ich kann mich mit dir identifizieren. Mehr als das – ich spiegle mich in dir. 

Das ich das heute so empfinden kann, habe ich nicht meinem Buch zu verdanken. Jedenfalls nicht in erster Linie. Ich verdanke es deinem „Ja“ – deinem „Ja“ zu diesen öffentlichen Geständnissen, zu dieser neuen Form der (Familien-)Therapie, zu der schmerzhaften Wahrheit, zu dem Risiko der Kritik fremder Menschen. Ein „Ja“ zu dem „Nein, es ist nicht mehr wichtig, was war, wichtig ist nur, was kommt.“ 

Ich bewundere dich so sehr für dieses „Ja“, ein so klitzekleines Wort mit einer so gigantischen Wirkung. 

Dankbarkeit ist das, was ich empfinde, wenn ich an die Ereignisse der letzten Monate denke. Ich bin dir nicht nur sehr dankbar dafür, dass du dem Buch zugestimmt hast, sondern auch, dass du es gelesen hast. Du sagtest mir, wie sehr es dich schmerzte und schockierte, meine ehrlichen Zeilen lesen, und trotzdem beendest du seither jede Mail mit „Kuss, deine Mama“ oder sogar einem „ich liebe dich“. Du lächelst mich immer herzlich an, wenn wir uns bei Skype sehen und auch der traurige Schatten in deinem Blick ist allmählich verschwunden. Du möchtest hier sein, genauso möchtest du mit uns bei dir sein. Wenn wir getrennt sind, schickst du süße Selfies von deinen Reisen oder auch mal nur ein Herz bei Whatsapp. Wenn du mich umarmst, drückst du zu, als wolltest du das letzte bisschen Luft aus dem Raum zwischen uns pressen. Du hältst mich immer etwas länger fest als ich dich, als wolltest davon einen Abdruck für die Ewigkeit nehmen.

Und du bist heute all das, was du so lange Zeit für mich nicht warst, das, wofür ich meine Freunde immer beneidete, wenn ich sie mit ihren Müttern erlebte. Mütterlich, selbstlos, hilfsbereit, witzig, locker, freundlich, aufmerksam. Du packst mit an, kümmerst dich, aber glücklicherweise nicht so aufdringlich, sondern mit einer angenehmen Intensität. Du freust dich über meine Erfolge, bist traurig, wenn ich traurig bin. Du bist interessiert, so richtig, und du möchtest auch wissen, was ich fühle, denke, erlebe. Du bist jetzt eine Mama, wie man sie sich als Tochter nur wünschen kann. Und für meine Söhne eine liebevolle Oma. Hätte ich dich vor einigen Jahren schon so erlebt, hätte ich mir vielleicht doch auch selbst eine Tochter gewünscht, um mit ihr eine solche Beziehung erleben zu dürfen. 

Du bist mittlerweile nicht nur eine echte Mama, sondern mein Beweis, dass sich Menschen ändern können. Oder aber auch: dass sie ganz anders sein können, wenn man selbst bereit ist, sie mit anderen Augen zu sehen. Manchmal steht man sich und dem Weg ins Glück selbst im Weg und manchmal muss man die dicken Steine selbst wegschaffen, um Platz für Neues zu schaffen. 

Wir reden nicht viel über mein Buch und ich weiß nicht, ob du noch traurig bist, wegen der Dinge, die ich darin über dich geschrieben habe. Als sich soeben unsere Blicke getroffen haben, hast du mich mit warmen Augen angelächelt – ich konnte keine Traurigkeit erkennen und die Wärme zwischen uns lässt mich die aufgetaute Liebe spüren. Doch solltest du in deinem tiefsten Inneren doch noch traurig sein, möchte ich dir sagen, dass ich es nicht mehr bin. Auch Schmerz empfinde ich nicht mehr und genauso wenig irgendeinen Vorwurf. Ich empfinde Reinheit und das beruhigende Gefühl, dass es vorwärts geht. Dass wir eine Zukunft haben – eine schöne. 

Zukunft…Lange Zeit hatte ich Angst davor, dass du älter wirst. Dass du mich dann brauchst, im Alltag halt – ich also für dich da sein muss. Aus Prinzip, denn du bist ja meine Mutter. Ich habe noch immer Angst vor deinem Altern, aber nicht wegen der Pflege. Sondern davor, dass nach dem Altern nichts mehr kommt. Das endgültige Aus. Ich habe Angst, dass du stirbst und wir nicht mehr zusammen sind. Wir haben uns doch gerade erst gefunden. 

Du bist bald erst 56, doch Papa war mit 56 schon tot. Du kannst theoretisch auch sterben, von jetzt auf gleich und ich wünsche mir sehr, dass wir die lebendigen Tage, die wir noch haben, auskosten. Nicht nur, dass wir uns lieb haben, sondern mögen. So wirklich. 

Und wirklich: ich mag dich. Bitte komm bald wieder, dein Platz ist dir sicher. 

Deine Yavi 

PS: Nie vorbei, nie zu spät. 

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8 Kommentare

  • Reply Jenny 27. Mai 2018 at 14:07

    Wow,Wow,Wow….. Ich habe dein Buch regelrecht verschlungen. Abends wenn die Kinder im Bett waren,hab ich mich aufs Sofa geschmissen und dein Buch gelesen. Ich konnte kaum aufhören zu lesen, da es einen Magisch anzieht.

    Nun deinen Blogeintrag zu lesen wie deine Mama reagiert hat…. Einfach nur toll. Mach weiter so

  • Reply Mona 27. Mai 2018 at 15:55

    Liebe Yavi,
    ich fand dein Buch schon toll und auch: sehr, sehr mutig. Diesen Beitrag hier finde ich noch viel, viel mutiger. Und – wie du selbst es über deine Mutter schreibst – ein Zeichen wahrer Größe.
    Toll, dass ihr beide euch zu den bisherigen Schritten getraut habt und bereit seid, noch weitere gemeinsam zu gehen. Ich bin mir sicher, dass das auch für viele andere ein tolles und motivierendes Beispiel sein kann.
    Alles Liebe ,
    Mona

  • Reply Joety 27. Mai 2018 at 16:08

    Oh wie bewegend! Erst recht, wenn man dein Buch gelesen hat! So viel Liebe und Verstand in jedem Buchstaben

  • Reply Michelle 27. Mai 2018 at 16:19

    Liebe Yavi,

    lange folge ich dir auf Instagram, dann las ich sofort dein Buch, eben schaute ich mir deinen Beitrag auf RTL an und las direkt danach hier den Blogbeitrag. Ich hab so Tränen in den Augen. Es ist einfach so ergreifend. Ich kann es nicht in Worte fassen. Ich freu mich einfach für euch und eure gemeinsame Zukunft. Alles Liebe!

  • Reply Moni 27. Mai 2018 at 16:45

    Dieser Brief an Deine Mama geht ganz tief ins Herz. Liebe Yavi, Chapeau. Wundervoll geschrieben. So ehrlich und direkt.

  • Reply Justina 27. Mai 2018 at 17:57

    Eine wirklich schöne Liebeserklärung an deine Mama! ❤️

  • Reply Yoko 29. Mai 2018 at 11:36

    Liebe Yavi, ich bin zu Tränen gerührt! Ein ganz toller Blog Eintrag. Ich habe dein Buch noch nicht gelesen, weiß also nicht was zwischen dir und deiner Mutter “lag” aber es ist wundervoll, dass dies überwunden scheint und ihr eine Beziehung zueinander aufbaut! Meine Mutter hat es mit mir in der Pubertät nicht leicht gehabt, aber seit ich erwachsen bin, ist sie der Fels in der Brandung und steht mir wie eine beste Freundin in emotionalen Dingen zur Seite. Es gibt nichts besseres als eine Mama!

  • Reply Maike 2. Juli 2018 at 13:31

    Liebe Yavi, wow. Gerade wollte ich auf deinem Blog nach etwas ganz anderem schauen, musste aber hierher klicken – und sitze nun mit Tränen in den Augen da. Puuh. So heftig. So schön geschrieben. Und man fragt sich unweigerlich nach seiner eigenen Beziehung zur Mutter. Ich freue mich für euch, dass ihr euch wiedergefunden habt. Alles Liebe, Maike

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