Mama

Bei Anruf Baby: Das Leben als Bereitschaftspflegefamilie (Gastbeitrag)

12. März 2018

Foto: Anja Wilhelmi Fotografie

Das Leben als Bereitschaftspflegefamilie (Text von Vanessa)

“There is an instinct in a woman to love most her own child

–and an instinct to make any child who needs her love. Her own.” (Robert Brault)

Mit diesem Zitat möchte ich mich vorstellen. Mein Name ist Vanessa, ich bin 36 Jahre jung und von Herzen eine glückliche Mutter von drei Kindern. Zwei von ihnen habe ich geboren und eins führte das Schicksal in unsere Familie. Sie wurde  in unseren Herzen geboren.

Sich so bewusst für ein Kind zu entscheiden, erfüllt mich jeden Tag mit Dankbarkeit und großem Glück, diese Entscheidung für Mogli und für uns getroffen zu haben. Eben weil es gekommen ist, wie es offensichtlich sein musste. Auch wenn es uns täglich an unsere Grenzen bringt. Wir würden es wieder tun. Immer!

Und dann, hin und wieder bedarf ein weiteres Kleinkind oder Säugling für eine bestimmte, unbestimmte Zeit, ein sicheres Nest, in dem es behütet und beschützt wird, bis sein Weg für eine sichere Zukunft, geebnet ist.

Bei Anruf, Baby!

Dir, liebe Yavi, möchte ich danken, für Dein Vertrauen, für die Möglichkeit und für den Raum, den Du mir auf deinem Blog zur Verfügung stellst. Es wird „meinen“ Kindern,  meiner Herzensangelegenheit eine Stimme und vor allem eine Lobby geben, die so dringend nötig ist. Noch immer sind Pflegekinder mit ihrer Geschichte ein Tabuthema, vor dem die Gesellschaft  die Augen verschließt.

Mogli

Mogli ist heute knapp fünfeinhalb Jahre jung und kam mit 17 Tagen innerhalb einer halben Stunde als unser erstes Bereitschaftspflegekind in unsere Familie. Ich werde dieses Gefühl, während ich zum Jugendamt fuhr,  wohl nie wieder vergessen. Ich wusste nicht mal ihren Namen. Lediglich ein Mädchen, keine drei Wochen jung, schwierige familiäre Umstände und Perspektive noch unklar, waren die Informationen, die ich am Telefon erfahren hatte.

Dieses kleine Bündel Wunder, mit ihrem Geruch, der nicht unserer war! Mit ihren dunklen, tiefen Augen, deren Ausdruck uns so fremd war! Ihren schwarzen Löckchen, die uns optisch so sehr voneinander unterschieden, lag sie in meinem Arm und löste Gefühle in mir aus, von denen ich mich längst verabschiedet hatte.

Etwa vier Wochen blieb Mogli bei uns, bis ich sie in eine Mutter-Kind-Einrichtung zu ihrer leiblichen Mutter brachte. Die Umstände der Rückführung waren mehr als fragwürdig und doch musste das Jugendamt und somit auch wir uns beugen. Das Elternrecht steht in Deutschland über allem!

 –Manchmal sogar über dem Kindeswohl…So auch bei Mogli.

Mogli baute innerhalb weniger Tage so sehr ab, dissoziierte immer Auffälliger, sodass sie in eine Kinderklinik eingewiesen wurde, wo sie drei Wochen lang, ganz alleine, stationär aufgenommen wurde um diverse Tests um ihre geistige und körperliche Entwicklung zu testen. Sie war zu diesem Zeitpunkt noch keine drei Monate jung. Niemand, der sie nach Untersuchungen tröstete, niemand, der sie mit Liebe versorgt, der während dem Füttern mit ihr kuschelt oder mit ihren süßen Füßchen spielt, während sie gewickelt wird…sondern ein Baby, auf einer vollen Kinderstation, dauernd wechselndes Personal und kein zuverlässiger „emotionaler Ansprechpartner“ für seine Bedürfnisse.

Sieben Wochen wurde die Rückführung aufrechterhalten, bis die erlösende Anfrage kam, ob wir Mogli erneut, im Rahmen der Bereitschaftspflege, aufnehmen können. Viele weitere Monate und einige Umwege über das Familiengericht waren nötig, bis endlich klar war, dass Mogli bei uns bleiben konnte. (Wenn ihr Interesse an der ganzen Geschichte habt, könnt ihr sie gerne auf meinem Blog nachlesen.)

Wir können heute nur erahnen, dass diese frühkindlichen Erfahrungen enorm dazu beigetragen haben, dass Mogli noch heute  große Schwierigkeiten hat, Bindungen einzugehen, zu vertrauen und häufig anders reagiert, als man es von „normalen“ Kindern gewohnt ist. Oft ist es nur ein Geruch, ein Geräusch oder eine Melodie, die sie erstarren lässt und sich der Schatten ihrer Vergangenheit über ihre Augen legt.

Erzieherisch bringt sie uns regelmäßig, wenn nicht täglich an unsere Grenzen. Und selbst für uns ist es so schwer zu begreifen, dass sie nach fünf Jahren konsequenter Sicherheit ihr Urvertrauen nicht zurückerlangen konnte. Wir wissen nichts über Schwangerschaft, nichts über ihre ersten drei Wochen und haben gelernt, dass Tragen so viel mehr bedeutet, als sie auf den Arm zu nehmen und dass Beziehung so viel wichtiger ist als Erziehung.

Was Mogli allerdings in Perfektion beherrscht: die Mutterrolle! Weshalb wir uns entschieden haben, weiterhin als Bereitschaftsfamilie zur Verfügung zu stehen. Mit einer wahren Hingabe versorgt sie ihre Kuscheltiere, die kleineren Kinder im Kindergarten oder unser letztes Bereitschaftsbaby, die kleine Raupe.

Die kleine Raupe kam genau wie Mogli, mit knapp drei Wochen und mit ähnlicher Geschichte, innerhalb einer halben Stunde zu uns und blieb ganze neun Monate, bevor ich sie nach langem Kampf, einer zehrenden Anbahnung und vielen Tränen in ihr neues Zuhause brachte. 

In den neun Monaten, die die kleine Raupe bei uns verbracht hat, trieb es mir regelmäßig Tränen in die Augen, Mogli in ihrer Mutterrolle zu beobachten. Wie sie sie liebevoll umsorgt hat, das Fläschchen gehalten hat, den Schnuller immer wieder aufgehoben und abgewaschen hat, beim Wickeln immer an ihrer Seite stand und diese innigen, körperlichen Zuwendungen aufgesogen hat, wie ein Schwamm.

Die Zeit mit der kleinen Raupe hat uns alle sehr geprägt. Von den Kindern, die nach Mogli bei uns waren, war sie das sensibelste. Wenn sie im Hintergrund Unruhe spürte, versuchte sie mich mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen, mich zu binden. Wurde krank, ließ sich von niemandem Füttern, weinte, wenn jemand zu nah an sie rankam und akzeptierte nur Mogli oder mich als Vertrauensperson. Pflegekinder sind auf ganz besondere Weise miteinander verbunden. Sie haben ein sehr ausgeprägtes Gespür füreinander und wissen instinktiv, was ihr Gegenüber braucht. Das erleben wir immer wieder.

Drei Kindern in 20 Monaten, die insgesamt 16 Monate bei uns verbrachten, eine kräftezehrende Diagnostik, der Kampf für die kleine Raupe, die Mühle der Schulbehörde um eine Rückstellung zu erwirken, die Notwendigkeit eines regelmäßigen Elterncoachings um Mogli im Alltag noch besser auffangen und unterstützen zu können, der Einstufung eines Pflegegrades und die berufliche Selbstständigkeit… das Hamsterrad dreht sich kontinuierlich und ich bin unendlich dankbar einen Mann und Kinder an meiner Seite zu wissen, die all das Mittragen!

Und manchmal, an den Tagen an denen sich ganz leise die Erschöpfung einschleicht, reicht ein Blick in diese dunklen Augen, so viel Liebe, so viel Dankbarkeit!

 „Mogli“ lehrt uns das Leben neu. Sie erinnert uns täglich daran, sie dort abzuholen, wo sie steht und die Grenzen, die Bausteine des so vorgefertigten Bildungssystems in Frage zu stellen um mit mehr Toleranz und mit noch mehr Demut, vor dem was wir haben und haben können, einfach dankbar zu sein.

D.A.N.K.E.

Meine Intention diesen Gastbeitrag für Yavi zu schreiben: Pflegekinder und Pflegefamilien haben immer noch viel zu häufig einen stigmatisierten Stempel. Ein Tabuthema! Ich wünsche mir mehr Aufklärung, mehr Informationen und mehr Menschen, die sich für dieses Herzensthema öffnen. Mehr Familien, die sich vorstellen können, einem Kind ein Zuhause geben zu können. Es geht um unsere Kinder, um Zukunft und um unsere Gesellschaft. Wenn ihr ein leises Flüstern in euern Gedanken hört, ich könnte ein Kind lieben, ich habe noch Platz im Herzen und im Haus, könnt ihr euch beim Jugendamt in eurer Stadt über alles ganz genau informieren.

Ich freue mich, wenn ihr meinen Blog besucht, der zwar noch in den Kinderschuhen steckt, aber gerade von Profis überarbeitet wir und hoffentlich schon ganz bald mit überarbeitetem Profil online gehen wird

Schlusswort

„Mogli“ lebt bei uns als Dauerpflegekind und das voraussichtlich so lange sie möchte. Sicherlich könnten ihre leiblichen Eltern diesen Beschluss jederzeit einklagen. In unserem Fall halte ich es jedoch für sehr unwahrscheinlich, dass ein Richter diesem Antrag stattgeben würde. Eine Adoption ist leider zurzeit kein Thema, da dazu die Eltern ihr Einverständnis geben müssten. So darf „Mogli“ mit 18 dann selbst entscheiden (eine Namensänderung wäre allerdings auch ohne Adoption möglich). Aber dafür ist „Mogli“ noch zu klein. Kinder sollten selber in der Lage sein, diesen Wunsch ganz bewusst zu äußern, denn für einige unserer Herzenskinder ist ihr Name die einzige Verbindung zu ihren Wurzeln.

www.herzenskindsite.wordpress.com und auf Instagram unter @herzenskinderliebe

 

 

 

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1 Kommentar

  • Reply Laura 25. März 2018 at 6:01

    Dieser Beitrag hat mich zur Tränen gerührt

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