Baby Mama

‘2 wundervolle Jahre’ – und warum wir dankbar sein sollten (Gastbeitrag einer trauernden Mama)

10. November 2016

Vorwort

Ich habe lange überlegt, ob ich diese Geschichte veröffentlichen möchte. Die Geschichte einer jungen Frau, die aus noch ungeklärten Gründen ihren kleinen Sohn verlor, nur einen Monat vor seinem zweiten Geburtstag.

Ich nenne sie Mathilda. Macht = „Macht” und “Kraft“ und hiltja = „Kampf” (Althochdeutsch).

Es begann damit, dass Mathilda (Name von der Redaktion geändert) mir folgende Nachricht bei Snapchat schrieb: “Liebe Yavi, ich bin bisher eine stille Followerin und ich habe lange überlegt, ob ich es dir schreiben möchte. Nun möchte ich dir aber doch sagen, dass du dich glücklich schätzen kannst, wenn sich Lias nachts meldet. Denn so weißt du, dass es ihm gut geht. Lass dich von den schlechten Nächten also nicht ärgern.” Sie erklärte mir, wieso sie das sage und ich suchte lange nach den richtigen Worten, nach der richtigen Antwort. Denn wie geht man als Mutter mit einem gesunden Kind und im Vergleich banalen Problemen an eine Mutter mit einem gerade erst von 4 Monaten verstorbenem Kind heran, ohne etwas Falsches, etwas Verletzendes oder gar Respektloses zu sagen? 

Mein Text “Wenn du nicht da wärst” bekam für mich in diesen Tagen eine ganz neue Bedeutung. Lias, das Muttersein, Atmen… ja das Leben bekamen für mich eine neue Bedeutung.

Mathilda und ich kamen ins Gespräch und schrieben lange Nachrichten via E-Mail, und meine Bewunderung für sie stieg ins Unermessliche. Mathilda wirkt so stark. So klug. Aber ein bisschen auch so, als hätte würde sie nach einem Drehbuch handeln, um den wohl schlimmsten Schicksalsschlag, den eine Mutter nur erleiden kann, zu ertragen. Und ich habe in unseren Gesprächen festgestellt, dass ihre Art und Weise, wie sie mit dem Verlust umgeht, anderen Müttern mit ähnlichen Schicksalsschlägen Mut, Hoffnung und eine helfende Hand bieten könnte. 

Und deshalb haben wir gemeinsam beschlossen, diese Geschichte zu veröffentlichen. Mit der dringenden Empfehlung, sich vor dem Lesen darüber im Klaren zu sein, dass sie unverblümt und im Detail erzählt wird und deshalb unglaublich ergreifend und verstörend ist. Und: sehr beängstigend wirken mag – vor allem für Eltern, die bereits Verlustängste haben. Ich möchte euch also dringlich bitten, den Beitrag nur zu lesen, wenn ihr glaubt, die psychische Stärke für einen gesunden Umgang mit dem traurigen Inhalt  zu besitzen. 

Liebe Mathilda, danke für dein Vertrauen, deine Stärke und deinen Mut, eure Geschichte mit uns zu teilen, trotz der jungen Trauer appellierende Worte zu finden und zu zeigen, dass wir selbst in dunklen Zeiten Lichtquellen finden können.


Von Mathilda

Ich möchte mit euch meine Geschichte teilen. 

Ich habe mit Yavi Kontakt aufgenommen, um ihr ans Herz zu legen: Wenn Lias Nachts unruhig schläft, es als Zeichen zu sehen, dass es ihm gut geht. Und das  möchte ich auch an euch weitergeben. Selbstverständlich ist es ätzend, wenn wir Wochen, Monate oder Jahre nicht mehr richtig schlafen können. Dieser ständige Schlafentzug zerrt an den Nerven und wir wünschen uns irgendwann nichts mehr, als nur eine Nacht Ruhe. Doch seid froh und dankbar, wenn sich die Kleinen melden. Und versteht es als ein Zeichen dafür, dass es euren Kindern gut geht.

Jetzt zu mir. 

Ich bin mittlerweile 20 Jahre und wurde sehr jung Mama. Es war nicht geplant, aber ich konnte mich mit dem Gedanken anfreunden und letztendlich war ich eine sehr sehr stolze Mama. Im Sommer 2014 brachte ich ein kerngesundes Kerlchen zur Welt, der alle um ihn herum verzauberte. Nach nur drei Wochen schlief er die Nächte durch, nachdem er sich zuvor auch nur einmal, immer um halb 2 nachts, meldete.

Selbstverständlich freute ich mich darüber und konnte mich nicht beklagen. Natürlich waren auch mal unruhige Nächte dabei, zum Beispiel wenn er krank war oder beim Zahnen, aber trotzdem hat er es mir sehr leicht gemacht. 

Mit 11 Monaten ging er in die Kita, er war aufgeschlossen und entwickelte sich super. Wir verbrachten zwei wundervolle Jahre zusammen und ich bin dankbar für jeden Tag. Auch wenn es viele Höhen und Tiefen gab, kann ich heute sagen, dass es ein wunderschönes Gefühl war, Mama zu sein und diese Erfahrung und diese Erinnerungen kann mir keiner mehr nehmen. 

Dann kam der eine Tag im Juni 2016. Zu Beginn ein ganz normaler, wie jeder andere auch. Wir standen am Morgen zusammen auf, ich brachte ihn in die Kita und ging arbeiten. Als ich ihn am Mittag wieder abholte, freute er sich, war aber hundemüde. Wir gingen nach Hause, ich brachte ihn ins Bett und er hielt seinen Mittagsschlaf. Ich überlegte erst, mich zu ihm zu legen, bekam dann aber noch spontan Besuch von einem guten Bekannten, wir saßen auf dem Balkon, redeten, tranken Kaffee, Irgendwann schaute ich auf die Uhr und bemerkte, dass es schon 15:15 Uhr war und ich machte ich auf den Weg, um ihn zu wecken.

Er regte sich nicht. Ich konnte keine Atmung und keinen Herzschlag mehr feststellen. Ich nahm ihn auf den Arm, lief in die Küche. Wir riefen den Notarzt, welcher sehr schnell eintraf. Das Team gab alles. Sie reanimierten ihn 30 Minuten lang vor Ort, dann fuhren wir in die Uniklinik, dort versuchten sie es weiter und gaben die Hoffnung nicht auf.

Ich rief seinen Vater an, der zu dem Zeitpunkt in einer Vorlesung saß, und erreichte ihn nicht. Ich hinterließ ihm eine Nachricht. Ich versuchte meinen Freund, meinen Bruder und meine Eltern zu erreichen. Die Ärzte hielten uns immer wieder auf dem Laufenden, sie sagten: „Es sieht sehr schlecht aus, aber wir geben unser Bestes“. Mehr können sie uns noch nicht sagen.

Ich rief im Kindergarten an und fragte, ob irgendetwas anders gewesen oder vorgefallen war, er sich auffällig verhalten, etwas verschluckt hatte… ich suchte nach Gründen und Antworten auf die 1000 Fragen in meinem Kopf.

Und dann kam der Chef-Arzt und bat uns mitzukommen. Sein Vater, dessen Mutter, mein Bruder und ich gingen in einen Raum und ich wusste, was der Arzt sagen würde.

Es fühlte sich alles so falsch an, wie ein schlechter Traum. Ich hörte, dass sie nichts mehr für ihn tun konnten, dass die Sättigung schon zu niedrig war. Sein Vater fragte, ob er erstickt, ob es der Plötzliche Kindstod war, doch der Arzt konnte uns direkt sagen, das organisch alles in Ordnung und er keinen Erstickungstod erlitten hatte.

Sie konnten mir versichern, dass er keine Schmerzen hatte und sein Herz beim Schlafen einfach aufgehört hat zu schlagen. Sie waren sich ziemlich sicher, den plötzlichen Kindstod ausschließen zu können.

Ich musste raus aus diesem Raum, raus aus diesem Gebäude. Ich konnte es nicht glauben, ich dachte es sei ein furchtbarer Traum und wenn ich nach Hause komme würde, wäre alles wie zuvor.

Stattdessen wurde in der Klinik ein Zimmer gerichtet und wir konnten zu ihm. Wir hatten 4 Stunden Zeit, uns dort von ihm zu verabschieden, bei ihm zu sein. Sein Vater wich nicht von seiner Seite, saß die ganze Zeit an seinem Bett, doch für mich war es so irreal, ich konnte es nicht. Ich schrie meine Mutter an, dass es nicht sein kann, er würde doch nur schlafen.

Nach einer Stunden kam die Kriminalpolizei. Sie stellten Fragen, machten sich einen Überblick über die familiäre Situation, was für mich in diesem Moment so absurd war. Ich wollte einfach nur mein Baby zurück! Dann kam auch schon ein Bestattungsinstitut, das ihn in die Gerichtsmedizin überführten. Zwei weitere Kollegen der Kriminalpolizei kamen und begleiteten uns nach Hause. Sie fuhren die ganze Zeit hinter uns her, bis vor die Haustüre, stellten dann noch einige Fragen, machten Bilder von der Wohnung, von dem Bett, von seinem Zimmer.

Ich konnte es immer noch nicht glauben und es dauerte eine sehr lange Zeit, bis ich es wirklich begriffen hatte.

Ich kümmerte mich um ein Bestattungsinstitut, das ihn überführte, sobald er frei gegeben wurde. Für mich war die Vorstellung, ihn in der Gerichtsmedizin allein zu lassen, furchtbar schrecklich. Ich wollte einfach nur zu ihm, ihn ein letztes Mal im Arm halten, ihm ein letztes Mal durch seine Haare fahren, ihm ein letztes Mal nah sein.

Wir planten alle zusammen die Trauerfeier und waren uns recht schnell mit allem einig. Als ich den Anruf erhielt, dass wir in das Bestattungsinstitut kommen können und er abgeholt wird, fiel mir ein Stein vom Herzen, doch gleichzeitig war ich auch verzweifelt und hatte Angst. Angst davor, wie er jetzt wohl aussieht durch die Autopsie, ob er sich stark verändert habe … da waren plötzlich wieder 100 Fragen.

Sein Papa und ich suchten zusammen Kleidung und einen Schnuller raus, sein Kuscheltier hatte er im Krankenhaus und in der Gerichtsmedizin schon bei sich. 

Als wir dort ankamen, mussten wir noch etwas warten. Zuvor war ich mir sicher, dass ich ihn waschen und anziehen, Hand- und Fußabdrücke nehmen wollte, doch plötzlich war diese Sicherheit weg. Sei es vielleicht besser, ihn in so Erinnerung zu behalten, wie an dem Morgen, bevor er in die Kita und dann in sein Bett ging? Was ist, wenn er einfach nicht mehr wie er selbst aussieht? Ich möchte doch kein anderes, kein fremdes Bild von ihm in meinem Kopf.

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Doch ich nahm letztlich all meinen Mut zusammen und ging zu ihm. Da lag er, ganz friedlich. Wir fingen an ihn zu waschen. Wir zogen ihn an, machten seine Haare, gaben ihm seinen Schnuller und machten die Abdrücke von seinen Händen und Füßen. Ich nahm ihn noch ein letztes Mal auf den Arm, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und legte ihn in den Sarg. Er lag da, als würde er schlafen. Er sah nicht aus, als sei er tot.

Wir brachten ihn in ein Zimmer, das ganz liebevoll eingerichtet war. Es gab einen CD Player, Bücher, Kerzen und Stühle. Wir spielten Kinderlieder ab und bekamen einen Schlüssel, sodass wir Tag und Nacht kommen und gehen konnten. Wir waren alle bei ihm und hatten genug Zeit, uns von ihm zu verabschieden.

Gemeinsam schlossen wir den Sarg und dieser Moment war für mich persönlich schlimmer, als alles, das noch folgen sollte. Es hat mir geholfen zu realisieren, aber es war furchtbar zu wissen, ihn ab diesem Zeitpunkt nie mehr zu sehen, ihm nie mehr nah sein zu können. 

Nachdem er zwei Tage in diesem Bestattungsinstitut war, fand die Trauerfeier statt. Sein Papa trug den Sarg mit dem Bestatter in die Kirche und anschließend wieder raus. Der Erzieher aus seiner Kita sagte auch ein paar Worte und die Kinder machten ihm ein riesiges Leintuch mit Wünschen und Handabdrücken. Am nächsten Tag sind wir gemeinsam zum Krematorium, wo er dann eingeäschert wurde.

Ich fuhr mit meinem Freund, meinem Bruder und seiner Freundin zwei Tage nach Italien an den Lago. Einfach mal raus kommen, Abstand gewinnen und so gut es ging einen freien Kopf bekommen.

Einen Tag vor der Beisetzung ließ ich mir seinen Fußabdruck tätowieren, mit dem Todesdatum und einem Pulsschlag.

Dann der letzte Schritt, die Beisetzung. Ich hatte unglaubliche Angst vor diesem Tag. Wir hielten die Beisetzung im kleinsten Familienkreis, da wir ja eine Trauerfeier gemacht hatten. Es gab 15 Luftballons und jeder konnte einen steigen lassen.

Letzter Abschiedsgruß für einen kleinen Jungen, der friedlich aber zu früh von der Erde ging.

Letzter Abschiedsgruß für einen kleinen Jungen, der friedlich aber zu früh von der Erde ging.

Heute, vier Monate nach seinem Tod, ist die Ursache für den Herzstillstand noch immer ungeklärt und ich weiß nicht, ob ich jemals eine Antwort bekommen werde. Ein plötzlicher Kindstod oder organische Fehler wurden ausgeschlossen, ebenso Viren oder dass ich ihn umangebracht haben könnte. Was mich beruhigt ist zu wissen, dass ich nichts falsch gemacht habe und auch nichts anders habe machen können. Dass er friedlich gestorben ist, im Schlaf. Ich weiß, dass es nichts bringen würde, nach Fehlern oder Gründen zu suchen. Was wäre gewesen, wenn… 

Ich werde oft gefragt, ob ich mir vorstellen kann, nochmal Mama zu werden und ob ich dann etwas anders machen würde. Ehrlich gesagt kann ich es mir in naher Zukunft nicht vorstellen, ich hätte zu große Angst, so etwas noch einmal erleben zu müssen. Ich könnte das Kind vermutlich keine Minute mehr aus den Augen lassen. Natürlich gibt es zum Beispiel die Möglichkeit eines Atemmonitors, der bei Atemstillstand Alarm auslöst, aber ich würde nicht wollen, dass solch ein Gerät mein Leben oder das meines Kindes kontrolliert.

Sollte ich doch irgendwann noch einmal Mama werden, würde ich nichts anders machen. Ja, nach dem Tod meines Sohnes habe ich mir lange Zeit Vorwürfe gemacht. Vermutlich ganz normal in der Trauer. Aber ich habe mittlerweile verstanden, dass ich den Tod nicht hätte verhindern können. Es gab keine Hinweise. Alles war normal. Der Tag war normal, wie jeder andere auch. Heute denke ich: Ich bin froh, die Chance gehabt und genutzt zu haben, ihn auf den letzten Wegen zu begleiten. Und ich würde es immer wieder tun. 

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32 Comments

  • Ich Mami 8. Oktober 2018 at 9:09

    Liebe Mathilda,

    zufällig habe ich deine Geschichte gelesen, nun sitze ich hier und weine, um dich, um deinen Sohn, bewundere dich für deine Stärke, deine Kraft und möchte dir danken, dass du mir zeigst, was wirklich wichtig ist … Ich möchte mich nicht mehr beschweren, wenn meine Kinder mich 5x mitten in der Nacht wecken, ich möchte es als Geschenk sehen… Vielen Dank dafür und die besten Wünsche für dich, für ein Zurechtkommen mit deiner Lebensgeschichte, für ein Loslassen und ggf ein weiteres Erdenkind…. Immer mit deinem kleinen Sohn im Herzen, für immer!

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