Bin ich schön? (Die Geschichte von Linda Grimm)

von mama moves
Linda Grimm Café Fräulein Wunder

Über die Autorin:

Linda ist 34 Jahre alt und betreibt seit 2013 das Café Fräulein Wunder in Braunschweig. Seit kurzem arbeitet sie zusätzlich als freie Traurednerin für das wunderbare Unternehmen „Verliebte Worte“.

Ausgelaugt und mit dem verzweifelten Wissen, auf diesem Weg ihr persönliches Glück nicht finden zu können, gab sie vor 8 Jahren ihren sicheren Job im Marketing auf. Seitdem versucht sie, Tag für Tag, ihr Leben so aufzubauen und zu gestalten, dass sie sich selbst sowie ihre individuellen Visionen und Wertevorstellungen verwirklichen kann. Ihr höchstes Bestreben dabei? Stets die beste Version ihrer selbst zu sein, zu lieben was sie tut und dieses Gefühl weiterzugeben.

Doch ihre Ziele geraten immer wieder ins Wanken. Sie sind überschattet von einer jahrelangen Essstörung sowie zunehmenden Depressionen in ihren 20ern. Im Frühjahr des letzten Jahres, mitten in dem durch Corona entstandenen Kampf um ihr Café, kamen abschließend noch zwei weitere Diagnosen hinzu: Hashimoto und die Emotionsregulierungsstörung „Borderline“. Obwohl vor allem letzteres zunächst beängstigend klang, wurde diese Diagnose, als Ursache für ihren selbstzerstörerischen Lebensstil erkannt, und die damit einhergehenden Erkenntnisse sowie ihre Verhaltenstherapie zum Rettungsanker vor sich selbst.

Nun ist Linda bereit ihre schmerzlichsten, aber auch guten und sonnigsten Erfahrungen zu teilen, sich nicht mehr zu schämen für das was sie ist und auf diese Weise zu heilen. Wenn es nur einer einzigen Person hilft, dass sie ihre Geschichte(n) erzählt, ist es das wert derart blank zu ziehen. So können viele schlechte Momente, etwas Gutes bewirken…

Du findest Linda hier (privat), hier (mit ihrem Café Fräulein Wunder) und hier (als Traurednerin) 


Wann bin ich genug? 

Bei mir im Badezimmer hängt ein Poster, auf dem steht:
Du bist schön, mutig, klug und stolz – egal was andere über dich sagen

Doch was ist damit, wie ich über mich selbst denke?

Bin ich schön?

Es gab schon so viele Tage in meinem Leben, an denen ich morgens aufgewacht bin und Angst hatte die Bettdecke zurückzuschlagen. Denn ab diesem Moment musste ich mich mit meinem Körper auseinandersetzen. Ich wollte einfach liegen bleiben unter dieser schützenden, wohlig warmen Decke… mein Zufluchtsort. Darunter war mein Körper versteckt und ich konnte mich ausruhen, von diesem täglich geführten Kampf gegen… ja, gegen was? …gegen wen? Keine Ahnung, aber ich war einfach erschöpft vom „Mich-unwohl-fühlen. Ich bin es, ehrlich gesagt, noch immer. Ich bin müde davon mich immer ein kleines bißchen zu dick zu fühlen. Immer diesen paar Kilos hinterherzurennen, die den Unterschied machen würden… Aber ich konnte es nie lassen. Es klingt vielleicht banal für den einen oder anderen, es geht schließlich um Oberflächlichkeiten, oder? Doch für mich, und ich bin mir sicher, dass es leider sehr vielen Menschen ähnlich geht, entschieden eben diese, gefühlt schon immer, über fast alles. Und das fühlte sich nie oberflächlich an. Diese Kilos und das Gefühl nie gut genug zu sein, haben mich beherrscht, zeitweise gelähmt und mich in fast jeder Sekunde meines Alltags begleitet. Ich habe ständig darüber nachgedacht, was ich wann esse oder gegessen habe und gleichzeitig darüber, wie ich möglicherweise noch etwas einsparen kann oder woran ich mich satt essen könnte ohne groß Kalorien zu mir zu nehmen oder auch was ich mir vielleicht gönne und ob ich glaube, dass ich es dann auch wirklich tue oder mir am Ende doch lieber den Finger in den Hals stecke. In der übrigen Zeit kreisten meine Gedanken maßgeblich darum, warum ich nur so undiszipliniert, faul, inkonsequent… ja, so ungenügend bin und schmiedete Pläne, wie ich das gedenke zu ändern.

Da ich im Laufe der Zeit die Erfahrung gemacht habe, dass mein Kreislauf ein ständiges Erbrechen nicht so gut verkraftet, entwickelte ich nach und nach, mehr oder weniger bewusst, eine „gute“ Strategie, die meinem Alltagspensum und geselligen Lebensstil Stand hält. Mir genug Energie ließ, um funktional zu bleiben und mir nach außen hin nichts von meinem Druck und meiner, ja, Scham, wegen meines ungenügenden Körpers und Verhaltens, anmerken zu lassen.
Ich versuchte für mich allein so diszipliniert und nach außen hin so fröhlich, zugänglich und hilfsbereit, wie nur möglich zu sein. Wenn ich schon körperlich alles andere als perfekt bin, dann gebe ich zumindest von meinem Inneren alles was nötig ist, um dieses Versäumnis, diese Unzulänglichkeit meinerseits, für mein Umfeld, auszugleichen. War ich undiszipliniert oder ließ mich meine Gesellschaft über die Stränge schlagen, hatte ich immer meinen Joker in der Hinterhand. In den Momenten, wenn alles zu viel wurde, ich nicht allem und jedem, nicht mal meinen eigenen Ansprüchen, gerecht werden konnte, und das schon gar nicht alles zur gleichen Zeit, musste ich einfach irgendwie loslassen. Das Erbrechen nahm mir Druck und Gelüste zugleich, ich konnte einfach mal essen was ich wollte, ohne darüber nachzudenken und die körperlichen Konsequenzen ertragen zu müssen. Ich tankte quasi Energie, um weiter durchzuhalten und zielstrebig zu bleiben.

Es war die ideale Strategie mich fortlaufend zu optimieren, um so hoffentlich die mir vorschwebenden Ideale von innerer und äußerer Schönheit irgendwann zu erreichen. Denn nur dann, dachte ich, kann ich mich sicher fühlen… mich ausruhen… sein, wie ich bin, ohne mich dafür auch nur ein bißchen schämen zu müssen. Ich wäre unangreifbar, nicht zu verletzen… allein die Vorstellung versetzt mich immernoch in einen Rausch. Aber um das zu erreichen, müsste ich in jeder Hinsicht perfekt sein, nur dann funktioniert es. Andernfalls hatte und hätte ich immer im Hinterkopf, dass ich mehr gemocht und geliebt werden könnte, weil ich besser sein könnte.

Perfektionismus und Scham können einen wirklich zu Höchstleistungen antreiben und deine Grenzen verschwimmen, wenn nicht gar verschwinden lassen, ohne, dass du es merkst. So war es zumindest bei mir… Aber sie können nicht dafür sorgen, unmögliches wahr zu machen, menschliches auszuhebeln. Sie sorgen an falscher Stelle und im falschen Ausmaß nur dafür, zu vergessen sich selbst zu lieben und dass das Leben eigentlich dazu da ist glücklich zu sein.

Mit Anfang Dreißig lag mein Wunschgewicht bei 51/52 Kilo und damit 6 Kilo unter dem, welches ich mir mit 15/16 Jahren zum ersten Mal zum definierten Ziel machte. Und weitere 3 Jahre später beginne ich zumindest zu verstehen, dass ich es nie erreichen und halten und gleichzeitig glücklich werden kann. Egal wie sehr ich mich anstrenge und wieviel bzw. wenig ich auf die Waage bringe, es wird nie genug für mich sein. Weil ich mich auf diesem Weg leider selbst überrollt habe. Ich wollte ursprünglich mal mein Ideal erreichen, um damit glücklich zu sein. Oder worum ging es sonst dabei?

Das Ziel war doch nicht eine reine Zahl, sondern vielmehr das damit verbundene Gefühl, sich rundum wohlzufühlen. Lasse ich die letzten 20 Jahre Revue passieren, kann ich gar nicht genau sagen, wann sich das Blatt endgültig gewendet hat und eben diese Zahl scheinbar die Oberhand gewann. Mein Selbstwert stand und fiel einzig und allein mit ihr, mein Gefühl für mich selbst habe ich verloren. Nur wenn andere mich witzig, schlau, charmant, liebenswert oder schön fanden, fühlte ich mich auch so. Und manchmal brauchte ich das so dringend, dass ich keine Rücksicht auf meine seelischen und körperlichen Grenzen nahm und Leuten eben das bot, was sie brauchten. Aber es half eben auch immer nur für den Moment. Wenn ich mich mal selbst, allein für mich, als nur irgendwas davon empfand, schämte ich mich. Sofort. Denn ich kannte die Wahrheit. Ich wusste, dass ich nicht so toll bin, wie die Menschen um mich herum, es vielleicht gerade fanden oder mir zumindest suggerierten.

Sie sehen meinen dicken Körper nicht wie er ist, weil ich ihn für sie „in Szene“ setze, sie bemerken auch nicht, dass es spielend leicht für mich ist, im Prinzip jedem ein gutes Gefühl in meiner Gegenwart zu geben und Sympathien für mich zu entlocken, wenn ich es möchte. Und das machte mir schon immer irgendwie Angst. Es macht mir Angst, dass ich möglicherweise ein innerlich hässlicher und manipulativer Mensch sein könnte.

Aber so langsam, und mit reichlich Hilfe, beginne ich mich zu fragen: „Was ist, wenn ich all das, was mein Umfeld mir widerspiegelt, möglicherweise wirklich bin? Sie mir das nicht nur aus Nettigkeit signalisieren und ich mich und meinen Körper nicht manipulativ in Szene setze, sondern einfach meinen Stil und meine Persönlichkeit ausdrücke, zeige, lebe…?

Ich bin ehrlich, so ganz kann ich diesem Gedanken noch nicht trauen. Ich kann doch nicht fast mein ganzes Leben lang, so überzeugt, so falsch gelegen haben. Ich sehe mich doch.

Doch ich begreife allmählich, dass es ja sehr wahrscheinlich auch gar nicht möglich ist Zuspruch oder gar Zuneigung anderer anzunehmen, egal wie nah sie mir stehen und wie sehr ich ihnen vertraue, wenn ich doch selbst von etwas ganz anderem überzeugt bin…

Wie soll ich glauben, dass andere mich schön finden, wenn ich es selbst nicht tue? Viel schlimmer noch, ich tadele mich dafür, wenn es mir passiert, weil ich so für mich verinnerlicht habe, dass ich es nicht bin, wenn ich nicht rundum perfekt bin.

Ich habe immer die Werte vertreten und auch die Wahrnehmung in Bezug auf andere gehabt, dass Inneres so viel schöner macht, als es irgendwelche äußerlichen Merkmale jemals könnten und begreife jetzt Stück für Stück, dass diese, für mich selbstverständliche, liebevolle Einstellung, nie für mich selbst galt. Warum hab` ich mich weniger lieb, als die Menschen um mich herum? Warum gibt es mir das beste Gefühl meinen Lieben von Herzen zu sagen, WIE schön ich sie finde, innerlich und äußerlich und schäme mich aber dafür, es über mich selbst auch nur denken? Krass, oder? Ich hungere, powere mich aus, erbreche sogar gewollt mein Essen, ich shoppe gern, style und kleide mich bewusst, nur um dann in den Spiegel zu schauen und mit meinen vermeintlichen Makeln zu hadern? Mir selbst die Sicherheit zu nehmen und dann letztendlich ständig auf der Hut vor Urteilen, Bewertungen oder schlimmstenfalls Ablehnungen von anderen zu sein?

Wenn ich mir das so vor Augen halte, weiß ich, und das aus tiefster Überzeugung, dass das nicht richtig ist.

Aber kann es wirklich so leicht sein? Kann ich einfach sagen und auch so meinen, dass ich gut so bin, wie ich bin und dann ist das auch so?

Aber was ist, wenn andere das nicht so sehen?

Dann umgebe ich mich nicht mit diesen Menschen. Ich nutze meine Zeit, um herauszufinden, was ich lieben würde zu tun und tue es. Ich verbringe sie mit den Menschen, bei denen ich mich rundum wohl fühle, ohne mich anstrengen zu müssen. Ich nehme sie mir für mich, um mich selbst zu lieben und mir klar zu machen, dass ich mich am schönsten fühle, wenn ich glücklich bin. Und ich kann nur glücklich werden, wenn ich mich selbst wie meine Nächsten liebe. Denn nur dann kann ich zu hundert Prozent sein wie ich bin, mit allen Ecken und Kanten und bedingungslose Liebe der anderen erkennen und vielleicht auch endlich annehmen. Denn das geht nur, wenn ich sie zeige und nur ich allein entscheide, ob sie schön für mich sind oder nicht.

Ich glaube, dass diese Erkenntnis mein Leben verändern wird. Auch wenn es harte Arbeit ist und auch noch lange sein wird, alte Denk- und Verhaltensweisen als diese auszumachen und abzulegen, mir tagtäglich bewusst zu sagen, dass ich schön bin und die Werte vertrete, zu denen ich von Herzen stehe, spüre ich, dass das der richtige Weg für mich ist. Ich muss aufhören gegen mich selbst zu kämpfen und Selbstliebe ist der Schlüssel dazu. Sie ist wie ein Muskel, den man täglich trainieren kann und der schnell kräftiger wird.

Ich habe Rückfälle, ich fühle mich fast täglich überfordert mit – ja – ALLEM, habe meine Ängste… aber ich ziehe es durch. Und je bewusster ich mir werde, wer ich sein müsste, damit ich mich selbst liebe, desto mehr erkenne ich, dass da gar nicht so viel fehlt. Und ich halte die Scham, die ich nach diesem Gedanken empfinde, aus. Ich hinterfrage sie sogar zunehmend. Denn wenn ich der Mensch versuche zu sein, der nach meinen eigenen Werten handelt, sich schön fühlt, obwohl er abends um 22 Uhr noch Pizza auf dem Sofa gegessen hat, der durch sein reflektiertes Wesen, nicht mehr in Frage stellt, ob er sich in jeder Sekunde jedem gegenüber absolut richtig verhalten hat… und sich das gut anfühlt, sollte ich mich nicht dafür schämen müssen. Niemand sollte das.

Es tut gut und fühlt sich tatsächlich nach langsamer Heilung für mich an. Schritt für Schritt. Mal einen zurück, mal drei nach vorn. Dafür ist jeder von ihnen in Stein gemeißelt. Und DAS ist schön und DAS wiederum bin ich…

2 Kommentare

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2 Kommentare

Tobias 3. Mai 2021 - 12:56

Wow! Ergreifender Text von einer super mutigen und noch stärkeren Frau! Ich habe nichtmal den Hauch eines Zweifels, dass du erreichst, was du dir so sehr wünscht! Bon Voyage <3

Antworten
Jill 3. Mai 2021 - 11:40

Danke für diese ehrlichen Worte

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