Zum 1. Geburtstag: Wenn du nicht da wärst

von mama moves

Letztes Jahr, selbe Zeit. ET ist in 2 Wochen, doch ich ahne, und ich hoffe, dass mein Baby früher kommt. Der Bauch hängt doch schon bis in die Kniekehlen, ich sehe aus wie eine Drillingsmutter und Vorwehen habe ich seit der 33. SSW. Es reicht. Kopf und Körper befinden sich im „Komm da endlich raus“-Modus. Seit 2 Wochen lebe ich Lebemensch isoliert, mit Schoki und Netflix eingeigelt, konzentriere mich wie besessen auf jeden einzelnen Tritt in meinem Bauch, hoffe, dieses Gefühl niemals zu vergessen, und gleichzeitig, dass nicht mehr viele Tritte folgen. 

Doch je näher der ET rückt, beschäftigt mich immer mehr der Gedanke, was wäre, wenn Lias tatsächlich zu früh käme. 11 Tage zu früh. Genau genommen am 26.08.2015 – dem zweiten Todestag meines Vaters. Tiefe Trauer und größtes Glück an einem Tag… wie würde es sich anfühlen? Würde ich wollen, dass der Geburtstag meines Kindes immer gleichzeitig Trauertag der gesamten Familie wäre? Dass mein erster Gedanke am Morgen nicht dem lachenden Gesicht eines genüsslich Kuchen essendem und strahlend Geschenke auspackendem Lias gelte, sondern dem eingefallenen, leblosen meines Papas, welches ich noch bis kurz vor dem letzten Atemzug berührt hatte? Ein zerreißender Gedanke. Doch vielleicht irre ich mich, vielleicht würden sich alle Kräfte an diesem Tag vereinen und mein Vater würde auf irgendeine Art und Weise in meinem Kind weiterleben?! Oder nein, ganz anders: Mein Vater hat seine Finger im Spiel, leitet die Geburt ein, um ein Zeichen zu setzen oder einen Gruß zu senden, zu sagen: „Hey, da bin ich wieder!“ und „seid nicht traurig, freut euch über neues Leben!“

Ich bin Realist, ich glaube nur Magie, wenn ich sie mit eigenen Augen sehen kann. 

Der Tag kommt immer näher. Ich kaufe Sonnenblumen, wie jedes Jahr. SEINE Blumen. Ich mache lange Spaziergänge, bade, massiere meinen Bauch, schaue das aufgestellte Foto von meinem Papa und mir immer wieder an, versuche Zeichen zu deuten, die es vermutlich gar nicht gibt, erwische mich immer öfter dabei, wie ich hoffe, dass Lias am 26. August kommt. Vielleicht, weil ich Magie sehen will. 

Der Morgen des 26. Ich stehe auf, gehe die Treppe ins Wohnzimmer hinunter. Ich schaue nach den Sonnenblumen wie nach dem Briefkasten, als wäre es möglich, dass dort ein Brief liegt. In dem steht, dass doch alles gut wird, wie immer, weil er es immer so gesagt hat. Nichts. Ich weine. Ich hoffe, dass die Geburt beginnt, damit ich vergessen kann, ich hoffe, dass die Geburt doch noch auf sich warten lässt, weil der Tag meinem Vater gehört und ich ihn nicht teilen will, ich hoffe, dass einfach das Richtige passiert, weil ich in dem Moment gar nicht weiß, was das Richtige wäre, ich hoffe, dass Lias noch etwas drin bleibt und der Tag schnell umgeht, weil dann ganze 364 Nicht-Todestage folgen und Lias seinen großen Tag nur für sich hätte, weil mein Papa seinen Tag nur für sich hätte und uns nicht teilen müsste. Die Blumen wären dann immer nur für ihn. Der Kuchen nur für Lias. 

Der Tag endet und damit das Bangen und Hoffen. Ich lege mich ins Bett, kann nicht schlafen. Schlafe ein, werde aber unzählige Male wach. Am nächsten Morgen um 5 Uhr platzt meine Fruchtblase, die Wehen setzen ein, Lias hat sich auf den Weg gemacht.

Magie?

Ich habe keine Zeit und keine Kraft, darüber nachzudenken.

Lias kommt aber nicht am 27. August zur Welt, sondern erst 35 Stunden später, am Nachmittag des 28., nach einer schmerzlichen Tortur. Mein Mann und ich lieben die Story dazu, denn Monate zuvor hatten wir gewettet, wann unser Baby käme. Er sagte am 27. August, ich sagte am 28. Irgendwie hatten wir beide Recht, ich aber natürlich das größere. Ich hatte mich bewusst für den 28. entschieden, weil mir die Zahlen gefallen, weil ich darin unser Hochzeitsdatum und somit die Symbolik sehe: 

2.8.: Die zwei für Zweisamkeit, die 8 für die Unendlichkeit. Wie gut, dass Lias nicht am 26. geboren wurde.

Am 30. August 2015 kommen wir nach Hause. Zu dritt. Zu den Sonnenblumen, die sich nicht verändert haben.


Ein Jahr später. Ich kaufe Deko, für Lias’ erste kleine Geburtstagsparty am Sonntag. Ich kaufe Sonnenblumen, für Freitag. Ich bin froh, dass die Termine final entschieden wurden und ich kein Gedankenkarussell mehr fahren muss – und doch bin ich emotional mindestens genauso aufgewühlt, wie letztes Jahr zur selben Zeit. Es ist eine schwierige Zeit. Und ich weiß gar nicht, was belastender ist, mein gesundheitlicher Zustand, die Sehnsucht nach meinem Vater oder dass Lias offenbar selbst eine extrem schwierige Zeit durchmacht.

Er isst kaum. Er braucht so viel Aufmerksamkeit, wie noch nie. Und Nähe. Er klammert an mir, als wolle er für immer Baby bleiben, als sei er nicht bereit, ins Kleinkind-Sein überzugehen. Seit 3 Tagen wird er nachts wach, obwohl er seit Monaten die Nächte durchschläft, und weint, schreit, herzzerreißend. Er kommt nur zur Ruhe, wenn ich ihn auf meine Brust lege und wir in seinem Schaukelstuhl sachte wippen. Ich kraule dann sein Ohrläppchen – er liebt das – schließe die Augen, rieche und küsse seinen Kopf. Und denke zum gefühlt 10283. Mal in den vergangenen 12 Monaten:

Was würde ich nur tun, wenn du nicht da wärst…?

Denn obwohl mein Vater nicht zurück kam, durch Magie, durch mein Kind, so hat er mich durch das „Kopf-an-Kopf-Rennen“ etwas gelehrt, das für mich eine der prägendsten Erfahrungen in meinem ersten Jahr als Mutter war. Als ich letztes Jahr so intensiv erleben musste, wie eng Glück und Leid zusammen liegen können, wie wunderbar und gleichzeitig grausam das Leben ist, und vor allem unberechenbar und endlich, manifestierte sich in mir ein Bewusstsein für die Vergänglichkeit der Momente. Der guten, wie schlechten. Lasst es mich etwas einfacher formulieren: Jeder Moment, egal welcher Art, ist für mich wertvoll, ja sogar wichtig, denn er wird enden und nicht wiederkommen. Und du wirst niemals wissen, wann er das letzte Mal stattfindet.

Diese Einstellung kann dir als Mutter den Arsch retten. Nämlich besonders dann, wenn dein Kind anfangs pausenlos weint und du nicht weißt, warum, wenn es nachts nicht schlafen will, obwohl du doch schon alles versuchst, was die Ratgeber schreiben, wenn es später mit seinem sorgfältig von dir in deiner wenigen Freizeit vorbereitetem Essen nach dir wirft, dich beißt, kneift, anschreit. Wenn es dich nicht loslässt, ohrenbetäubend laut weint, wenn du es absetzt, du es herumtragen musst, obwohl du am liebsten sagen würdest „du bist doch kein Baby mehr!“ oder „geh doch bitte spielen!“. Wenn du einfach mal nur Frau, Freundin, Serienjunkie, hungrig, müde, in Shoppinglaune, Coffee-Lover, Träumerin sein willst und mal nicht nur Mama. Ja, wenn du weißt, dass jeder Moment ein einzigartiger ist, ein vergänglicher, dann nimmst du es alles mit Humor, Coolness und einer Prise Leichtigkeit. 

Mein Papa starb sehr jung, an einem unheimlich aggressiven Krebs, gegen den er kämpfte wie ein verletztes Tier gegen ein größeres, stärkeres, sehr hungriges. Hoffnungslos. Wie vermutlich jeder Vater es täte, der seine Frau und seine 4 Kinder nicht zurücklassen möchte. Meine Brüder waren damals 7 und 12, meine Schwester 26, ich 27. Doch alle von uns um gefühlt 20 Jahre gealtert, in dem Jahr, in dem mein Vater unzählige OP’s, Chemos, Zusammenbrüche, Tränenausbrüche hatte. Mein Papa war ein sehr ehrgeiziger Geschäftsmann, der alle Höhen und noch mehr Tiefen erlebt hatte, der am Ende zu uns sagte:

„Nichts, was ich mir von all dem Geld kaufen konnte, nutzt mir jetzt etwas, jetzt zählt nur, dass ich eine Familie habe, die bis zuletzt an meinem Bett steht und mir Liebe schenkt.“

Ich hatte nicht mehr die Chance, oder ich hatte es versäumt, es ihm zu sagen, aber was er da gesagt hatte, wurde zu meinem Lebensinhalt. Dem Sinn meines Lebens. Familie. Alle, die dazu gehören, doch insbesondere mein Mann und mein Kind. Es hat mir nahezu Flügel verliehen, mich zu einer Kämpferin gemacht, die selbst noch steht, wenn der ganze Boden bebt. Und dabei manchmal sogar noch lacht.

Eine Kämpferin, die alle Tiefen des Mutterseins – und seid mal ehrlich, davon gibt es mehr, als die meisten Mütter zugeben – feiert. Die es tatsächlich schafft, das Kind anzulächeln, obwohl es soeben ihr gesamtes Portemonnaie oder zum 100. Mal den Küchenschrank ausgeräumt hat, die es umarmt, obwohl sie dazu fast zu schwach ist und sich selbst eine Umarmung wünschen würde, von starken Armen, die die Balance für sie übernehmen. Die es schafft, mit dem Kind den Sonnenschein zu genießen, obwohl ihr nach Dunkelheit ist.

Eine Kämpferin, die sich stetig sagen hört: Was würde ich nur tun, wenn du nicht da wärst… 

Wenn du sterben würdest. Wie mein Vater. Oder mein geliebter Großvater. Wie meine Oma. Mein guter Freund. Das junge Mädchen damals in der Schule, Leukämie. Wie so viele Kinder auf dieser Welt, noch im Bauch der Mama, oder später in ihren Armen. Im Krieg, durch Krankheit. Wenn es einen Unfall gäbe und das Glück nicht auf unserer Seite wäre. Wenn wenn wenn wenn wenn wenn wenn. 

Wenn du nicht da wärst, würde ich mir wünschen, dass du nochmal den Küchenschrank ausräumst. Oder mein Portemonnaie. Meinetwegen sogar die Kameratasche mit all dem teuren Equipment, obwohl dein Papa es hassen würde. Ich würde dich verteidigen, versprochen. Wenn du nicht wärst, würde ich mir wünschen, dass du nachts nicht schläfst, damit der Tag mehr Stunden hat und ich mehr Zeit mit dir. Dass du nur auf mir schlafen würdest, damit ich dich riechen und streicheln kann, so viel ich will. Ich würde mir wünschen, dass du weinst, damit ich dich trösten kann. Du den ganzen Tag an meinem Bein stehst, an mir ziehst, damit ich dich hochnehme und trage. Einmal um die ganze Welt, wenn du es wolltest. 

Nicht nur in deinem ersten Lebensjahr, sondern auch darüber hinaus. Immer. 

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Du wirst nun 1 Jahr alt. Ich wünschte dein Opa wäre noch da und du könntest mit ihm deinen Kuchen teilen. Nicht jetzt, aber in ein paar Jahren würde er dann zu dir sagen, dass du dein Leben, und dein Glück, selbst in der Hand hast. Dass du sein sollst, wer du sein willst, dass alles möglich ist, wenn du nur willst. Und er würde dir vor allem immer wieder sagen – oh Gott, was habe ich das gehasst!! – dass du dich gefälligst zusammen reißen sollst, dass das Leben nunmal nicht immer fair ist. 

Bei seiner Tochter hat’s gewirkt. Sie weiß, dass das Leben nicht fair ist. Und das ist ok. Sie kämpft sich trotzdem immer durch und sie wird versuchen, auch ähnlich kluge Sprüche ihres klugen Papas an dich weiterzugeben, weil sie fest daran glaubt, dass sie gut waren, für den Charakter, die Persönlichkeit, den Umgang mit der Unfairness des Lebens. 

Aktuell ist das Leben noch fair, auch wenn es schwer ist. Schwer, weil es mir aktuell so geht, wie es mir geht, weil mich die Sehnsucht nach dem klugen Mann zerfrisst, weil du momentan so schwierig bist, weil immer irgend etwas ist. Es ist aber fair, weil du noch da bist. Obwohl es so viele Menschen nicht sind. 

In 2 Tagen feiere ich die Fairness des Lebens. Ich feiere dich, mein Kind, weil du noch da bist. Ich hätte dich sonst sehr vermisst.

 

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59 Kommentare

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59 Kommentare

maxi 5. Mai 2018 - 19:16

was für ein berührender Text! toll!

Antworten
Alina 5. November 2017 - 11:58

SO, SO wunderschöne Bilder!

Antworten
Shobi 22. Mai 2017 - 20:26

Liebe Yavi,
ich bin eben zufällig auf deinen Beitrag gestoßen und bin zu Tränen gerührt! Du hast diesen Text so wunderschön geschrieben und mich wirklich tief berührt.
Ich wünsche dir weiterhin viel Liebe, Kraft und deiner kleinen Familie alles, alles Gute!
Shobi

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