Lifestyle

Magersucht: Kontrollierter Kontrollverlust (Gastbeitrag)

22. März 2018

Text von Anonym

Zu Beginn möchte ich anmerken, dass das Thema über welches ich schreibe sehr komplex und vielfältig ist. Ich beschränke mich hierbei lediglich auf meine eigene Wahrnehmung.

Magersucht – hm. An was denkt ihr, wenn ihr dieses Wort hört? Wahrscheinlich werden die meisten von euch an super dürre und knochige junge Frauen denken. Doch das ist ein Klischee, welches uns über die Jahre von der Gesellschaft eingeprägt wurde.

Denn Magersucht besteht aus viel mehr als Hungern und Abnehmen.

Eine tödliche Krankheit

Viel mehr besteht es aus einem kontrolliertem Kontrollverlust. Man schaut sich selber beim Krankwerden zu. Quasi beim Sterben. Denn wer bereits mit Magersucht Erfahrung gemacht hat weiß, dass das kein Leben mehr ist. Man stirbt mit jedem weiteren Tag ein Stückchen mehr ab.

Und das tut man wirklich.

Magersucht hat mit 10% die höchste Mortalitätsrate unter psychischer Erkrankungen, denn viele Betroffene sterben an den Folgen der Essstörung, da der Körper einfach zu schwach ist um gegen die einfachsten Dinge anzukämpfen. Da kann ein leichter Schnupfen schnell zu einer lebensgefährlichen Lungenentzündung führen.

Hierzu muss aber auch gesagt werden, dass Magersüchtige nicht immer unglaublich dünn sind. Denn Magersucht ist eine psychische Erkrankung und befindet sich im Kopf. Untergewicht ist lediglich eins der vielen Symptome dieser Krankheit.

1/4 meines Lebens krank

Auch ich habe mir lange Zeit selber beim Sterben zugesehen. 4 Jahre lang um genau zu sein. Und das, obwohl ich erst 16 Jahre alt bin. Somit habe ich bereits ein Viertel meines Lebens damit verbracht mich und meinen Körper kaputt zu machen. Sowohl psychisch, als auch physisch.

Einen direkten Auslöser gab es dabei nicht. Vielmehr Dinge, die sich über die Jahre hinweg angestaut haben.

Da wäre zum einen mein Vater. Er hat meine Mutter und mich kurz nach meiner Geburt verlassen. Jahrelang terrorisierte er uns, indem er sich lange Zeit weigerte Unterhalt zu zahlen oder er rief abends an, nur um meine Mutter zu beschimpfen. Das ging jahrelang so, bis er mich dann im August 2017 auf sämtlichen Social Media Plattformen blockierte. Mit einer Begründung, die mir bis heute noch unverständlich ist. Und bis zum heutigen Tag haben wir nicht mehr miteinander gesprochen.

Mittlerweile kann ich sagen, berührt mich dieses Verhalten nicht mehr, da ich über die Jahre hinweg gelernt habe damit umzugehen. Jedoch muss ich auch zugeben, dass mich dieser abrupte Kontaktabbruch damals nicht kalt gelassen hat und ich mich seitdem leider wieder tiefer denn je in der Magersucht befinde.

Aber ich habe auch gemerkt, dass es mir das nicht wert ist. Warum soll ich krank werden, nur weil mein Vater mich erneut verlassen hat? Das hab ich nicht verdient.

Wie ist es dazu gekommen?

Eigentlich ist es ein wenig gemein von mir den nächsten Auslöser aufzuzählen, da es indirekt meine Schuld ist, da ich es selber soweit kommen lassen hab. Und zwar betrifft dieser Punkt meine Mutter. Genauer gesagt uns beide.

Zu allererst muss ich aber sagen, dass ich diese Frau bewundere. Sie meistert alles! Sie ist eine unglaublich starke und wunderschöne Frau. Und ich kann nur hoffen, dass ich eines Tages eine genauso tolle und liebevolle Mutter wie sie sein werde. Kommen wir aber nun zurück zum eigentlichen Thema.

Und zwar gab es bei uns nie sonderlich viele Gespräche bezüglich meiner Essstörung, da sie nie in Vordergrund lag. Denn als ich im Jahr 2014 für ein halbes Jahr in einer Klinik war, bei der der Fokus vielmehr auf meiner damaligen Depression lag, wurde die Essstörung kaum thematisiert.

Somit stand immer die Depression im Vordergrund. So auch zu Hause.

Jetzt, wo ich wieder tiefer in der Magersucht stecke, habe ich auch wieder angefangen in alte Verhaltensmuster zu verfallen. Ich beginne wieder vermehrt damit, mit den abstrusesten Mitteln mein gestörtes Essverhalten zu verstecken, damit meine Mutter mich bloß nicht kontrollieren kann.

Denn bei Magersucht geht es nicht, wie bereits gesagt, nur um Abnehmen und Hungern. Vielmehr geht es um die verloren geglaubte Kontrolle aus dem Alltag, welche man durch die Kontrolle beim Essverhalten zu kompensieren versucht. Und ich glaube das ist den wenigsten Menschen klar. So entstehen auch Vorurteile, wie, dass jedes Mädchen im Teenageralter diese „Phase“ einmal durchmacht und das ja ganz normal sei oder, dass beispielsweise auch nur Frauen von solchen Krankheiten betroffen sind.

Doch was viele dabei vergessen ist, dass jeder davon betroffen sein kann! Unabhängig von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft oder sozialem Status. Es kann nämlich genauso gut den 50-jährigen Mann von nebenan treffen.

Ich hätte mir gewünscht, dass… 

Mit etwas Abstand kann ich heute sagen, dass ich mir von meiner Mutter gewünscht hätte, dass sie das Thema direkt anspricht. Dabei meine ich gar nicht, dass sie penetrant darauf achten soll, dass ich auch ja genug esse, denn das wäre in meinem Fall eher kontraproduktiv. Ich hätte mir vielmehr gewünscht, dass sie das direkte Gespräch sucht und fragt, welche Ursachen mein Verhalten hat und, ob sie mich irgendwie unterstützten kann. Aber auch hier kann ich nur für mich sprechen, denn das sieht für jeden Betroffenen nochmal anders aus.

Ich glaube genau so würde ich nämlich auch bei meinen Kindern reagieren. Ich bin kein Mensch,der lange drum herum redet, insbesondere bei solch wichtigen Dingen.

Hierzu muss ich jedoch sagen, dass ich gar nicht weiß, ob ich überhaupt noch Kinder bekommen kann. Denn ich habe aufgrund meines essgestörten Verhalten bereits einige Male meine Periode nicht bekommen, da mein Körper nicht genug Nährstoffe bekommen hat, um diese für eine ausreichende Hormonproduktion zu nutzen. Dies kann unteranderem auch Unfruchtbarkeit als Folge nach sich ziehen.

Ich wünsche mir jedoch vom ganzen Herzen, dass ich eines Tages gesunde Kinder habe und diese niemals mit dieser schrecklichen Krankheit kämpfen müssen. Und hier weiß ich ganz sicher: Falls sie es doch müssen, werde ich immer an ihrer Seite stehen und sie so gut es geht unterstützen.

Bitte helft euren Kindern!

Zum Schluss möchte ich euch nur sagen, dass ihr, falls ihr bei euren Kindern Anzeichen einer Essstörung bemerkt oder gar selber mit einer kämpft, ihr euch bitte Hilfe suchen sollt!

Es ist keine Schande sich Hilfe zu holen. Ich weiß auch, wie schwer es ist, sich selber einzugestehen, dass man krank ist (oder jemand aus dem Umfeld), aber eine Therapie ist der erste Schritt in ein neues und vor allem gesundes Leben! Ich hatte beispielsweise das Glück eine wunderbare und einzigartige Therapeutin zu haben, welche mir eigentlich letztendlich mein Leben gerettet hat.

Und wenn ich das geschafft habe, dann schafft ihr das auch!

Auf der Internetseite der BZgA findet ihr einen Überblick darüber, wie man Essstörungen erkennen kann und wie man die Betroffenen unterstützen kann. Zudem gibt es dort ein Beratungstelefon.

 

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